Protestgeschichte
Viele kamen alleine, arbeiteten, kämpften für ihre Rechte, holten ihre Männer nach. Migrant*innen aus der Türkei veränderten nicht nur die Ordnung der Geschlechter, sondern sie bewirkten auch Änderungen im Aufenthaltsrecht und stellten das Konzept von Staatsbürgerschaft in Frage. Trotzdem sind weibliche Migrant*innen aus der Türkei im öffentlichen Diskurs kaum sichtbar und wenn, dann als Kopftuchträger*innen. Das Bild der passiven „Türkin“ stellt die Studie, eine Verbindung von Migrations-, Geschlechter- und Protestgeschichte, grundlegend in Frage. In ihrer Dissertation von 2024 über Migrantinnen aus der Türkei in den Jahren 1961 bis 1989 untersucht Elisabeth Kimmerle, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), Praktiken, Handlungsspielräume und Raumaneignungen von Frauen aus der Türkei in Westberlin. Ihre Recherche umfasst sowohl deutsche und türkische Medien als auch Archivmaterial beider Länder, erweitert um Interviews mit 19 Zeitzeuginnen. Fragen nach Erleben und Erfahrung der Migration, des Ankommens und Eingewöhnens, aber auch das Aushandeln von Räumen und Bewegungsmöglichkeiten stehen dabei im Vordergrund. Die vier Abschnitte „Gurbet“, „Zwischen Fabrik und Universität“, „Straße“ und „Ein Raum für sich selbst“ beschreiben die Geschichte der Gastarbeiter*innen der 60er-Jahre, die Streiks der 70er-Jahre, die politischen Aktivist*innen der 80er-Jahre und die Gründung migrantischer Frauenvereine aus weiblicher Perspektive. Ein wissenschaftliches Buch, das spannend geschrieben und gut lesbar ist, schließlich war die Autorin auch als Redakteurin bei der taz tätig. Selbst für an Migrationsgeschichte aus der Türkei interessierte Leser*innen bietet die Lektüre spannende und unbekannte Aspekte.
Sena Dogan
Elisabeth Kimmerle: Frauen in Bewegung. Politische Räume von Migrantinnen aus der Türkei in West-Berlin 1961–1989, 461 Seiten, Wallstein Göttingen 2025 EUR 40,10/open access
