Unbezahlt und bezahlt
„Auf wessen Leben bauen unsere Theorien der kollektiven Aktion und des sozialen Wandels auf?“ fragt Dorothy Sue Cobble im Vorwort zu diesem Buch. Die unbezahlte Arbeit sei ebenso bedeutsam wie die bezahlte. Die Monografie zeichnet das aktivistische Ringen von Frauen um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen nach. Ein langer Zeitraum (1880-1990) und eine große Region ((Süd-)Osteuropa inkl. Österreich und Türkei) werden in zehn thematischen Kapiteln dargestellt – mit Zusammenfassung, Chronologie anhand historischer Aufnahmen sowie Landkarten von Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich bzw. den Nachfolgestaaten in den Jahren 1910, 1930, 1960, 2000. Untersucht wurden Handlungsmöglichkeiten und Ziele von bislang kaum beachteten oder ins Abseits gerückten Aktivistinnen: einfache, nicht privilegierte Frauen, die außerhalb der Orte gut erforschter Arbeitskämpfe agierten. Sie setzten bei ihrer unbezahlten Arbeit – der Bewältigung von materiellem Mangel und Betreuungspflichten – an, etwa in gemeinschaftlichen Strukturen (z.B. Kooperativen, Kinderbetreuung, Bildung, Streikküchen). In der traditionellen Geschichte der Arbeiterbewegung wurde ihr Arbeits- und Existenzkampf meist übersehen, ihre Namen und Aktionen ungenügend dokumentiert und ihr Beitrag zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen systematisch unterschätzt. Das Buch konstatiert einen mehrfachen Bias in der Geschichtsforschung: Die Geschichte der Arbeiterbewegung richtete den Fokus vor allem auf die organisierten männlichen Arbeiter; die Geschichte der Frauenbewegung häufig auf Frauen der mittleren und privilegierten Schichten, und in der Geschichte Europas ist Osteuropa in vieler Hinsicht eine Terra incognita geblieben. Empfehlung!
Silvia Zendron
Selin Çağatay, Mátyás Erdélyi, Alexandra Ghiț, Olga Gnydiuk, Veronika Helfert, Ivelina Masheva, Zhanna Popova, Jelena Tešija, Eszter Varsa und Susan Zimmermann: Women’s Labour Activism in Eastern Europe and Beyond A new transnational history. 683 Seiten, UCL Press, London 2025, open access
