Solange es Menschen gibt! 

Einmal mehr beweist Jenny Erpenbeck in ihrem aktuellen Roman, dass Menschen durch zeitliche Ereignisse veränderungswillig sind, und dass dabei Zufälle eine große Rolle spielen. Als afrikanische Asylwerber am Oranienplatz in Berlin einen Hungerstreik machen, wecken sie das Interesse eines Passanten, es ist der verwitwete emeritierte Altphilologe Richard. Er nimmt Kontakt zu den Flüchtlingen auf und versucht mehr über sie zu erfahren, indem er sie einzeln nach ihren Fluchtgründen befragt. Er besucht sie in ihren Unterkünften, lernt ihre kulturellen Gewohnheiten kennen, es entwickelt sich ein gegenseitiges Vertrauen. Namenlose Flüchtlinge erhalten Stimmen, sie schildern ihre vorherige durch Kriegswirrnisse nicht mehr lebbare Vergangenheit, sie schildern ihre dramatischen Fluchterfahrungen und ihre Ängste vor der Zukunft. Richard begleitet sie auf Behördenwegen, lädt sie in sein Haus ein … Er ist sich seiner eigenen Privilegiertheit bewusst, denn „er gehört zu den wenigen Menschen auf der Welt, die sich die Wirklichkeit, in der sie mitspielen wollen, aussuchen können“. Dass sich trotz des Ungleichgewichts Empathie entfaltet, ist eine Stärke des Buches, denn Richard ist bereit dazu, sein Leben beeinflussen zu lassen. Ein aufrüttelnder politischer Roman, der genau zur richtigen Zeit erscheint, und eine Signalwirkung für mehr Menschlichkeit hat. Ein empfehlenswertes Buch für alle, die noch immer nicht verstehen wollen, dass Flucht zu tiefst unfreiwillig passiert und Solidarität unbedingt notwendig ist. ML

Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen. Roman. 351 Seiten, Knaus, München 2015 EUR  20,60

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