Was bleibt von uns?

Ein an Alzheimer erkrankter Mann verletzt seine Frau lebensgefährlich mit einem Messer und erinnert sich nicht. Die Ich-Erzählerin besucht diesen Mann in der Psychiatrie und versucht zu verstehen, was in ihm vorgeht. Ihre Beobachtungen verarbeitet sie produktiv, indem sie konkrete Gedankenexperimente vorschlägt, was wäre wenn, um das Schicksal eines an Alzheimer erkrankten Menschen den Leser_innen näher zu bringen. Passagenweise wird die Lebensgeschichte des Professors Alzheimer und seines konkurrenzorientierten Doktorvaters Kraepelin eingeblendet. Alzheimer (1864-1925) sezierte das Gehirn der bereits verstorbenen Patientin Auguste und erforschte somit kausal als erster das heute nach ihm benannte gefürchtete Krankheitsbild. Ein Problem der Patient_innen wird darin gesehen, dass sie die Diagnose gleich wieder vergessen.

Die Autorin wirft existenzielle Fragen auf, wie etwas gewesen ist und wie etwas hätte gewesen sein können. Sie entwickelt eine dialogische Brücke zwischen Erkranktem und seinen Angehörigen, um dabei die Polarität zwischen den Sichtweisen aufzubrechen und zu klären, dass es Gemeinsamkeiten beim Vergessen und Erinnern gibt. Auch wir vergessen ständig!!! Dadurch werden die Gedankenwelten miteinander verknüpft, für beide Seiten wird um menschliches Verständnis geworben. Originell aufgrund des experimentellen Schreibstils!

ML

Olivia Rosenthal: Wir sind nicht da, um zu verschwinden. Aus dem Franz. von Birgit Leib. 198 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2017 EUR 20,60

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