Was tun mit all dem Nichts?
Einer 62-jährigen Schauspielerin fallen plötzlich sämtliche Haare aus. Sie weiß nicht, ob das ein Zeichen ihres körperlichen Verfalls oder Symptom einer Krankheit ist. In jedem Fall ist ihre berufliche Existenz gefährdet. Denn ohne Haare kann sie die Rolle der „liebenden Mutter des französischen Königs“ nicht mehr spielen, in der sie seit 15 Jahren auf der Bühne steht. Davon ist zumindest ihr Vorgesetzter überzeugt. Er wirft ihr vor, sie sei „hart und trocken“ geworden, getrieben von Wut. „Selbst deine Rollen sind wütend geworden“, kritisiert der Theatermann und schickt die Schauspielerin nach Hause. Genau davor fürchtet sie sich am allermeisten. Daheim erwartet sie nämlich nichts, keine Kinder, keine Haustiere, nicht einmal Zimmerpflanzen. Sie hat Angst vor der Leere ihrer Wohnung und davor „so abstoßend sterblich“ in völliger Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. In ihrer Verzweiflung stiehlt sie eine Echthaarperücke aus dem Fundus. Doch der Schwindel fliegt recht rasch auf. Um weiter im Theater arbeiten zu können, wird sie gezwungen zu beweisen, dass die Haare ihre eigenen sind. Ein DNA-Test bringt Erstaunliches ans Licht. Die Autorin und Theatermacherin Manuela Infante zeigt in ihrem Theaterstück, was Haare über Schönheitsdiktate, Jugendwahn und Emanzipation, aber auch über Kolonialismus und Ausbeutung erzählen können.
Ute Fuith
Manuela Infante: Haare. Aus dem Engl. von Felicitas Arnold. 97 Seiten, Suhrkamp Theater, Berlin 2025 EUR 18,50
