Abrechnungen

Nelia Fehn, Enkelin, Schriftstellerin, Buchpreisnominierte – aber vor allem Tochter ihrer renommierten Mutter – ist die junge Protagonistin, die sich durch den Dschungel der Frankfurter Buchmesse kämpft, oder eher treiben lässt. In ihrem kleinen Rucksack trägt sie mehr Gepäck mit sich herum, als dieser auf den ersten Eindruck hin zu fassen vermag: Eine komplizierte Familiensituation, die der Tatsache geschuldet ist, dass sie eine Nachzüglerin und ihre Mutter unangepasst war; eine komplizierte Beziehung mit einem Griechen in Athen, der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten wegen kaum erreichbar ist; und schließlich die nicht minder komplizierte Navigation einer jungen nominierten Autorin mit kleinem Verlag durch Frankfurt. Die bedächtigen, desorientierten Schritte, mit denen Nelia durch die Stadt und ihr Leben wandert, stehen in auffälligem Kontrast zu den kurzen, stakkatoartigen Sätzen, mit denen sie beschrieben sind. Und noch mehr zur harten Kritik am Literatur- (frau ist versucht, zu sagen) Zirkus, in dem es schon lange nicht mehr um die Qualität des Geschriebenen geht, die den eigentlichen Wesensgehalt des Buches ausmacht. Nelia Fehn ist jedoch nicht nur ein verlorenes Lamm auf der Schlachtbank der Kritik, sondern auch die Autorin des nominierten Buches „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“, das Streeruwitz gleich mit veröffentlicht hat. Der Versuch, ein Erstlingswerk zu imitieren, gelang. Fast zu gut – sprachlich ist es eine Spur zu leicht und einfach, und auch inhaltlich bleibt es hinter den Erwartungen zurück. Zu fokussiert auf die Antiheldin ist das Werk, von dem frau sich Kapitalismuskritik erwartet, zu oberflächlich die Beobachtungen selbiger. In der Zusammenschau mit „Nachkommen“ bekommt das Buch jedoch eine völlig andere Note, denn was sagt es über den Literaturbetrieb aus, wenn diese wenig aufregende Reise für den Buchpreis nominiert wird? Ein Lapsus sei abschließend angemerkt: Während eines Studiums besteht in Österreich sehr wohl Anspruch auf Waisenpension. Katrin Forstner
Marlene Streeruwitz: Nachkommen. Roman. 432 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014 EUR 20,60
Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn: Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland. Roman. 192 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014  
EUR 19,60

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