Assoziatives Schreiben 

„Der Text braucht das Papier. Erst beim Kontakt mit dem Papier tauchen die Sätze auf. Als flögen sie mit mächtigen Flügelschlägen aus einem versteckten Nest unter dem Papier auf.“ Dieses Buch ist ein sinnliches philosophisch-poetisches Kunstwerk in ganz besonderer grafischer Gestaltung: Tränen wie Hieroglyphen, Verheißungen, Andeutungen haben die Herausgeberinnen Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer dem Text hinzugefügt, eingefügt zwischen den Worten – als geheime Zeichen, Unterbrechung und Markierungen des Verflüssigens – ein Mehr und ein Meer. Hélène Cixous’, die Nautorin, die Schifferin, Erforscherin der Meere schreibt körperlich, assoziativ und liebevoll. Sie lässt uns eintauchen in ihre Welt des Schreibens als Aufbrechen, als (Zer)Streuung, als körperlicher Prozess, als Verflüssigung von fest geglaubten Bedeutungen. Schreiben als Befreiung von fixierten Identitäten, als Vervielfältigung und Öffnung von Sinn und Sinnlichkeit, widerspenstig gegen jedes Stillstellen von Bedeutung – „Einem Leserpolizisten kommt es vor wie ein anarchisches Ding ein ungezähmtes Tier.“ Cixous schenkt uns in diesem Text eine Utopie: „Es gibt kein Gender mehr. Ich werde ein Etwas mit gespitzten Ohren.“ Vertraut Euch diesem Buch an, lasst Euch erstaunen, befremden und berühren, sprecht mit dem Esel.

Bettina Zehetner

Hélène Cixous: Gespräch mit dem Esel. Blind schreiben.Hg. von Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer. Aus dem Franz. von Claudia Simma. 126 Seiten, Zaglossus, Wien 2017 EUR 7,00

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