Bekömmlich erzählter Schrecken

In ihrem 800 Seiten starken Werk „Ohne Haar und ohne Namen“ rollt die britische Journalistin und Autorin Sarah Helm die sechsjährige Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück auf (1939-1945). Dabei erzählt sie auf spannende Art und Weise und lässt eine Vielzahl von Überlebenden zu Wort kommen. Sie porträtiert auch zahlreiche SS-Angehörige und zeigt deren (unterschiedliche) Nutzung ihrer Machtbefugnisse. Geschickt verwebt Sarah Helm Opfer- und TäterInnen-Biografien ineinander. Trotz unzähliger Details treibt sie die Handlung zügig weiter. – Ja, das Buch liest sich stellenweise wie ein Abenteuerroman. Das wirkt bei diesem Thema befremdlich. Die Vermischung von Fakten und Fiktion, die zusätzliche Dramatisierung des Schreckens durch im szenischen Präsens formulierte Passagen, die oft fehlende Distanz der Autorin zum Geschehen, als sei sie selbst dabei gewesen – darf man so über Ravensbrück schreiben? Ist dieser journalistische Zugang erlaubt? Oder ist eine Chronik – noch dazu diesen Umfangs – nur in aller wissenschaftlichen Genauigkeit und mit entsprechender Fußnotenhäufung vertretbar? Darauf gibt es keine letztgültige Antwort. Sicherlich ermöglicht Sarah Helm einem erweiterten LeserInnenkreis ein Verständnis von der Logik eines Konzentrationslagers, von den dort vollzogenen Verbrechen, von der Bandbreite der Überlebenschancen der Frauen und von ihrer Widerständigkeit, die viele Ausdrucksformen kannte. Brigitte Halbmayr, Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen

Sarah Helm: Ohne Haar und ohne Namen. Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Aus dem Engl. von Martin Richter, Annabel Zettel und Michael Sailer. 802 Seiten, Theiss, Darmstadt 2016  EUR 39,10

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