Brüchiges zu Toleranz & Hass

Das Attentat auf die Schwulendisko „Pulse“ in Orlando ist ein gut erläutertes Beispiel, wie ein terroristisch motivierter Akt gegen Schwule medial zu einem Verbrechen aus schwulem Selbsthass verdreht wurde – in aller Schwulenfeindlichkeit. Bandherausgeber_in und Polit-Tunte Patsy L’Amour laLove hat 18 Beiträge versammelt, in denen Hass und eben nicht pathologisierende Phobie gegen Schwule, Lesben und Transpersonen in seiner Wechselwirkung mit Selbsthass ausgelotet wird. Verbesserungen von Lebensbedingungen werden wohl anerkannt, aber in ihrer alltäglichen Brüchigkeit sichtbar gemacht. Ein wichtiges Unterfangen, dessen Lektüre mit jeder Seite jedoch enttäuschender wird. Nicht nur sind viele Texte gar flapsig bis polemisch angelegt, es mangelt auch an vielen Ecken breiterer Rezeption weitergehender und historisierender Literatur. Persönliche Erlebnisse im Stile von Schulaufsätzen mögen als Textsorte für Abwechslung sorgen, bilden jedoch mehrmals die ganze Grundlage für theoretisierte Ausführungen. Erlebtes Leid sei als solches nicht relativiert, ärgerlich ist der scheinbar wissenschaftliche (teils psychoanalysierende) Umgang damit, der sich u.a. im gegenseitigen Zitierkarussell äußert, in flotter Ineinssetzung von Sexualität und Geschlecht, der Einigkeit über Queer-Theory als „neues Wischiwaschi“, esoterischem (Tier-) Kult oder Butler als (kapitalismusblinder) Linksliberaler. Schlussendlich steht die politisierte deutsche Schwulenbewegung der 1970er Jahre im Mittelpunkt – da gabs noch Eindeutigkeiten, sodass auch kein postkoloniales Gemurkse den Band zu stören droht. meikel

Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität. Hg. von Patsy L’Amour laLove.  263 Seiten, Querverlag, Berlin 2016  EUR 17,40

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