Das Unerzählte

Auch in ihrem neuen Roman geht es der Autorin Svenja Leiber um das Aufdecken patriarchaler Machtverhältnisse in einem autoritären System. Anfang der 1940er-Jahre wurde die 16-jährige Nelka als Zwangsarbeiterin aus Lwów (Lwiw) von den Nationalsozialisten nach Norddeutschland verschleppt. Circa 50 Jahre später besucht Nelka diesen Ort. Gemeinsam mit Schura und Margaryta musste Nelka damals auf einem Gutshof nicht nur Zwangsarbeit leisten. Die Objektivierung des weiblichen Körpers der damals jungen Frauen spielt eine wesentliche Rolle. Die bei einer Vergewaltigung geschwängerte Margaryta stirbt bei der Geburt ihres Kindes, die couragierte Schura wird gefoltert. Nelka wird vom sexuellen Begehren des Gutsverwalters bedrängt, bis sie aufgibt. Sie wird außerdem bei Kriegsende Opfer einer Massenvergewaltigung. Die Rückkehr an diesen vormals repressiven Ort ist für Nelka eine emanzipatorische Herausforderung, um sich von ihrem Trauma zu befreien. „Wer sich vor Spinnen fürchtet, […] muss irgendwann zu den Spinnen gehen“, meint ihr Ehemann. Es gelingt der Autorin in einer Zeit, in der die Kriegswirtschaft wieder Hochkonjunktur hat, zu vermitteln, wer die Leidtragenden eines Krieges sind und welche Kräfte sich auf der Seite der Machtbesessenheit wiederfinden. Kapital und Arbeit erfahren im Krieg ihre perfekte gesellschaftliche Entsprechung. 20 Millionen Zwangsarbeiter:innen wurden im Nationalsozialismus ausgebeutet, gedemütigt, gefoltert, Frauen außerdem vergewaltigt. Zahlreiche von ihnen haben den Krieg nicht überlebt.
ML

Svenja Leiber: Nelka. 207 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2026 EUR 24,70