Die letzte Zeitzeugin
In Anna Silbers neuen Roman geht es um die Gedächtniskultur für die kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Konzentrationslager geflüchteten KZ-Opfer des Nationalsozialismus im Mühlviertel, die von den Bauern und Anrainer:innen umgebracht wurden. Die letzte in die Jahre gekommene Zeitzeugin Paula Puchner erkrankt an Alzheimer. Ihre Familie bot damals einem Geflohenen Unterschlupf, womit sie sich einer großen Gefahr aussetzte. Anna Silber verarbeitet die Geschichte aus der Perspektive der Enkelin Lisa. Lisa wird nach einem One-Night-Stand schwanger. Gleichzeitig pflegt Lisa von allen Familien-angehörigen die emotional intensivste Beziehung zu Paula und ist darum bemüht, ihrer Oma nach der schwer zu ertragenden Diagnose konstruktiv zur Seite zu stehen. Die strukturierte Erinnerung von Paula löst sich zunehmend auf. Paula vermischt die Zeiten, ordnet die Angehörigen falsch zu und verschwindet immer wieder vom bäuerlichen Hof. Die Interaktion in der Familie wird erheblich durch die rasch fortschreitende Erkrankung der Großmutter erschwert, denn diese hat vormals mental die Familie zusammengeschweißt. Dennoch wird die familiäre Entscheidung gefällt, Paula ins Heim abzuschieben, was auch von Lisa nicht verhindert werden kann. Doch Lisa gibt ihre Großmutter nicht auf, obgleich sie mit ihrer nicht unkomplizierten Schwangerschaft ohne Partner auch an ihre Grenzen stößt. Carearbeit ist nach wie vor in weiblicher Hand und die männlichen Akteure scheinen damit überfordert zu sein.
ML
Anna Silber: Wie die Hasen. 356 Seiten, Picus, Wien 2026 EUR 26,00
