Dem Schweigen ein Buch: Nazi-Vergangenheit in der Familie
Ich möchte zurückgehen in der Zeit ist ein Roman, in dem Hermann ihrer eigenen Familiengeschichte nachgeht, die exemplarisch für das intergenerationell vererbte Schweigen über SS-Kriegsverbrecher in der eigenen Familie steht. Hermann bleibt ihrem Stil mit klaren, kurzen Sätzen und gewollten Leerstellen treu: sprachlich am Punkt und über das Geschriebene hinausgehend. Sie schafft es, das Thema Schweigen spürbar und dadurch bezeichnend für das individuelle sowie gesellschaftliche Vergessen der Täter und ihrer Verbrechen zu machen. Man bekommt das Gefühl, selbst in Radom, einem kleinen verlorenen Ort in Polen, zu sein und zu versuchen, das Bild des Großvaters in SS-Uniform aus 1941 und seinen Beitrag zur Errichtung des Radomer Ghettos einzuordnen. Nach ihrer Zeit in Polen reist sie zu ihrer Schwester und deren Familie nach Neapel und damit zur nächsten und übernächsten Generation und versucht dort, dem Umgang mit der Familiengeschichte nachzugehen. Was dürfen/sollen/wollen Nachfahren von SS-Mitgliedern fühlen? Was kommt nach dem Schweigen, wenn es erst einmal gebrochen wird? Welches Familienmitglied ist verantwortlich für die Aufarbeitung? Hermann gewöhnt die Leser:innen daran, unbefriedigende und nicht mehr zu rekonstruierende Leerstellen auszuhalten und an ihnen zu wachsen. Eine große Leseempfehlung, die inspiriert und berührt.
Hannah Pühringer
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. 156 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2026 EUR 24,50
