Die Lücke in der Vertreibungsgeschichte
Der Debütroman der Autorin Katharina Braschel behandelt jene nationalsozialistischen Kriegsverbrechen in Jugoslawien, die von Donauschwaben begangen wurden. Die Ich-Erzählerin Lina vermutet, dass ihr verstorbener Großvater als Donauschwabe daran beteiligt war. Linas zielstrebige Recherche über den Großvater wirkt sich auf das Mutter-Tochter-Verhältnis zunächst negativ aus. Am Ende ist ihre Mutter jedoch dankbar, dass Lina berechtigte Fragen gestellt hat. Außerdem reflektiert die Ich-Erzählerin, dass sie als Zwölfjährige überfordert war, ihrer an Demenz erkrankten Großmutter ein adäquates Verständnis zukommen zu lassen. Dazwischen bewegen sich ihre Freund*innen mit empathischen Anregungen, wie sie mit der dunklen Vergangenheit ihrer Familie am besten umgehen könnte. Minutiös beschreibt die Autorin die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin, wie sehr sie der Prozess der Suche nach der Vergangenheit herausfordert, da sie wenig Verständnis von ihrer Ursprungsfamilie erhält. Manche Details aus dem Leben ihres Großvaters lassen sich nicht klären, aber vieles lässt sich deuten. Ein spannend geschriebener Roman, der interessante Informationen über die Donauschwaben in Jugoslawien vermittelt und fast wie eine Gebrauchsanweisung wirkt, wie man den Spuren dunkler Familiengeheimnisse auf den Grund gehen kann. Lobenswert ist, dass keine Schwarz-Weiß-Malerei unternommen wird.
ML
Katharina Braschel: Heim holen. 272 Seiten, Residenz, Wien 2026 EUR 24,00
