Er kann aus der Erinnerung schauen!

Nach ihrem Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ erhält Anna Baar für ihren neuen Roman den Theodor Körner Förderpreis. Das titelgebende Träumen erscheint facettenreich als Phrase und Metapher, zieht sich durch, bis es sich langsam zunehmend immer mehr verdichtet. Das große Thema ist die Erinnerung, in ihrer ganzen Brüchigkeit. Erzählt wird von Gewalt und Grausamkeiten, von Krieg und Liebe und somit die Lebensgeschichte des Klee: Er ist ein Fremdling, ein Heimgekehrter, der nie angekommen ist. Lange bleiben die Fragen offen, wie wir die Erzählstimme verorten sollen, ob wir uns in der Gegenwart oder im Früher befinden, und wo das Ganze situiert ist. Auf Unschärfe folgt jedoch dazwischen immer wieder treffende Klarheit, in der einzelne Szenen im Detail erzählt werden und sofort starke Bilder entstehen. Es sind zu Beginn skurrile Beschreibungen, schreckliche Märchen, Abgründe und Ränder, die uns hier offenbart werden. Kunstvoll werden Verwobenheit und Unauflösbarkeit zwischen Erfundenem und Wirklichem angedeutet. Die zahllosen Verweise und Bezüge auf Paul Klee, seine Art zu malen und die Erwähnung von Bildtiteln bringen vielschichtige Ebenen in den Roman. Es ist der musikalische Erzählton, der Aufbau vergleichbar einer Komposition, die in der Literaturkritik gelobt wird und die unter anderem den Roman als sprachlich herausragend kennzeichnen. Der Titel klingt so schön, wie der gesamte Roman geschrieben ist.

Marlene Haider

Anna Baar: Als ob sie träumend gingen. 207 Seiten, Wallstein Verlag, Göttingen 2017 EUR 20,60

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