Wunschloses Unglück

Am Ende des Lebens stellt sich die Frage, welche tiefergehenden Ereignisse charakterlich prägend waren. Anhand der allein lebenden alternden Fanny veranschaulicht die Autorin, dass vieles nicht eigenmächtig zu steuern ist. Schicksalsschläge begleiten das Leben, schreiben sich in die Lebenshaltung ein und sind nicht verhandelbar. Als Kind versucht Fanny, die stolze Haltung des bäuerlichen Vaters zu verstehen. Sie darf eine Hauswirtschaftsschule besuchen. Der Vater zerbricht später am Tod seines Sohnes, dem Hoferben, der nicht aus dem Krieg zurückkehrt. Er veräußert den Hof, um die Spielschulen von Fannys Ehemann, dem Lehrer, zu begleichen. Fannys anfangs harmonisch verlaufende Ehe – ihr Mann und sie gehen tanzen und amüsieren sich – verliert sich. Der Lehrer geht ins Gasthaus, um zu trinken und Karten zu spielen und lässt seine Frau allein zurück. Er stirbt. Als Alleinerzieherin mit Sohn verlässt sie das Dorf. Sie findet mit ihrem Sohn keine gemeinsame Ebene, um ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe auszutauschen. Der Sohn wählt den Freitod. Es bleibt eine Enkeltochter, die sich an den Wochenenden um die alte Frau bemüht und deren Erinnerungen sammeln möchte, aber keine Antworten erhält. Ein poetischer Roman, der sich als innerer Monolog liest und Einblick in eine archaisch, patriarchale und fragmentierte Dorfwelt gewährt. Vieles bleibt rätselhaft und wird angedeutet, darin liegt ein besonderer Reiz. In dieser Generation war ein weiblich selbstbestimmtes Leben auf dem Land nicht möglich. Empfehlenswert!

ML

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt. 206 Seiten, Droschl, Graz-Wien 2017 EUR 20,00

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