Flucht mit Folgen

In ihrem fünften Roman folgt Ricarda Junge der Lebens- und Familiengeschichte der 29-jährigen Schriftstellerin Anna. Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Anna erzählt, die Geschichte(n) nicht ruhen lassen kann und will und sich nächtelang dem Schreiben widmet. Dieser Rahmen bietet die Möglichkeit, tief in verschiedene Zeit- und Handlungsebenen einzutauchen. Die Leserin/der Leser folgt Anna einerseits in der Jetztzeit, in der sie sich als Werbetexterin in Berlin durchschlägt und eine Affäre mit einem Jetset-Topmanager beginnt, andererseits wird Annas Kindheit und Jugend in Wiesbaden aufgerollt, in der sie in politisch rechte Kreise abzugleiten droht. Über all dem schwebt jedoch ein Familientrauma: Annas Großeltern sind in den 1960er Jahren aus der DDR geflüchtet, der Großvater ist aber wenig später spurlos verschwunden. Ricarda Junge interessiert in ihrer Erzählweise vor allem, was diese Ereignisse über drei Generationen hinweg im ganz alltäglichen Leben nach sich ziehen. Berührende Szenen und eindringliche Bilder vom Festhalten und Loslassen, Erinnern und Vergessen entstehen dabei. Zugleich hat der Roman auch eine (gesellschafts)politische Dimension, die den Entwicklungen in der DDR ebenso nachspürt wie jenen in der BRD. Ricarda Junge erzählt dies alles poetisch leise, unaufgeregt und erreicht damit doch eine satte Tiefe.  Kordula Knaus

Ricarda Junge: Die letzten warmen Tage. Roman. 431 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014 EUR 22,70

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