Gefangen im Namen der Freiheit

Wir befinden uns in Nordamerika irgendwann in naher Zukunft. Charmaine und Stan leben in ihrem Auto. Es ist eng, dreckig und gefährlich. Freiwillig haben sie dieses Leben nicht gewählt, die Wirtschaftskrise hat Stans Job gekosten, und sie konnten die Hypothek ihres Hauses nicht mehr begleichen. Als die Situation ganz unerträglich wird, erfahren sie von dem sozialen Experiment „Positron“ in der abgeriegelten Stadt Consilience: Wer dort so leben möchte wie früher (Haus, Job, eheliche Treue, Gartenzwerge), kann dies einen Monat lang tun, und muss dafür dann einen Monat lang ins Gefängnis. Das Haus wird mit HauspartnerInnen geteilt, die anonym bleiben sollten. Unser HeldInnen-Paar verpflichtet sich mit einem lebenslangen Vertrag und kann bald wieder auf einem schönen Sofa sitzen und den Rasen mähen. Wir begleiten sie durch mehrere Zyklen. Die Repressionen, die ein solches System braucht, um bestehen zu können, werden nach und nach sichtbar. Ein Kompromiss folgt dem nächsten, aber was wäre die Alternative? Charmaine und Stan sind bald damit beschäftigt, die Regeln zu dehnen, indem sie jeweils ihren HauspartnerInnen sexuell verfallen. Regelbruch wird jedoch nicht toleriert, und die beiden finden sich schnell in unterschiedlichen Gefängniszyklen wieder und werden endgültig zum Spielball anderer Interessen.

Fazit: Es gibt keine Idylle der weißen Mittel¬klasse ohne ökonomische Ausbeutung – in diesem Fall allerdings beuten sich die Menschen selber abwechselnd aus, eine interessante Neuerung. Ob sie es allerdings wirklich freiwillig tun bleibt offen. Mich hat die Geschichte jedenfalls sehr beeindruckt.

gam

Margaret Atwood: Das Herz kommt zuletzt. Aus dem Engl. von Monika Baark. 402 Seiten. Berlin Verlag, München-Berlin 2017 EUR 22,70

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