Herz Jesu auf dem display

Nachdem sich der erste Band von Friederike Mayröckers Trilogie études durch eine Ruhelosigkeit, ja eine Notwendigkeit des Schreibens auszeichnet, ist der zweite Band cahier auf den ersten Blick ruhiger gestaltet. Die Dringlichkeit des Schreibens wird dann aber trotzdem sichtbar, sowohl an der erneut eng gesetzten Datierung als auch in den Texten selbst, die von der Notwendigkeit sich poetisch auszudrücken und die Welt poetisch zu erfahren erzählen. Es sind keine klassischen Gedichtformen, sondern eher prosaisch wirkende, dicht geschriebene Eintragungen, die gewählten Titel – dem Heft – entgegen kommen. So finden sich in cahier auch weniger Studien, vielmehr Erinnerungen an Orte und Personen. Adressiert wird des Öfteren ein Du, das sich zwar zu gleichen und doch immer eine andere Person zu sein scheint. Mit diesem Du wendet sich Mayröcker auch Themen wie Liebe, Sexualität und Intimität zu, die sie mit direkten Worten klar benennt. Die Bilder, die Mayröcker mit ihren Texten herstellt, sind mit Pflanzen und Tieren geschmückt, wirken aber nie kitschig, sondern fügen sich in ein reiches Sprachbild ein. Bilder finden sich aber auch wieder in Form von Zeichnungen, kleinen Skizzen, ja comicartigen Darstellungen, die den Text untermalen oder komplett ersetzen können. Wie auch schon bei études greift Mayröcker auch bei cahier wieder auf Unterstreichungen, Einrückungen und Großbuchstaben zurück, die das Lesen strukturieren aber dabei nie einengend auf den Lesegenuss wirken.Ulli Koch
Friederike Mayröcker: cahier. Lyrik. 192 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2014  EUR 20,60

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.