Jeder Fall trifft die Welt

Die Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger bezeichnet sie als Mystikerin der Straße: Emmy Hennings, die spätere Mitbegründerin und erfolgreiche Schauspielerin des Cabaret Voltaire beschreibt Lebensstationen der Einsamkeit, Brotlosigkeit, Prostitution und Gefängnis. Im 1920 erschienenen Tagebuch-Roman „Das Brandmal“ geht es um eine Reise durch Deutschland als Großstadtnomadin und Landstreicherin. Bei der Ankunft am Kölner Hauptbahnhof hat sie nichts anderes als Zeit dabei. Ihr Weg führt sie zum Dom: „Ich betrat die Kirche, in der jeder willkommen ist“ – in dem aber kein Wunder geschieht, Zukunft und finanzielle Situation bleiben weiterhin ungesichert. Vor der hereinbrechenden Nacht flieht sie in ein Kaffeehaus, bestellt, konsumiert, ohne zu wissen wie sie bezahlen soll, versucht sich in Publikum zu verwandeln. Minutiös beobachtet sie, interpretiert radikal subjektiv die Szenerie, etwa wenn sie vermeintlich von einer Dame in knallgrüner Bluse ausgelacht wird: „Wenn sie wüsste, wie sie mich durch ihr Lachen quält, würde es sich vielleicht für sie nicht lohnen, zu lachen.“ Es sind solche Sätze, zwischen Leichtigkeit und Verzweiflung, mit denen Hennings ihre Welt jenseits bourgeoiser Sicherheiten portraitiert. „Das ewige Lied“, publiziert 1923, schildert in lyrischer Prosa die Fieberfantasien einer Sterbenden. Die Neuausgabe der Romane bietet zusätzlich Dokumente der Wirkungsgeschichte, Faksimile-Seiten von Typoskripten und Buchcovers, ausführliche Kommentare und Rezensionen. Susa

Emmy Hennings: Das Brandmal – Das ewige Lied. Hg. von Christa Baumberger und Nicola Behrmann. 508 Seiten, Wallstein, Göttingen 2017 EUR 25,60

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