Literatur einer Zeitzeugin 1934-1938

Als Gerda Lerner (damalige Kronstein) 1938 als Jüdin aus Wien in die USA fliehen konnte, war sie 18 Jahre alt und wollte Schriftstellerin werden. Ihre Erlebnisse 1934-1938 als Heranwachsende in Wien politisierten sie zutiefst und waren lebenslanger Referenzpunkt ihres weiteren Engagements gegen Ungerechtigkeiten und Faschismus. Als „Pionierin der Frauengeschichtsschreibung“ wurde sie berühmt und hat eine Karriere als Universitätsprofessorin beschritten. Den vorliegenden Roman hat sie in den 1940er Jahren auf Englisch geschrieben, zehn Jahre ist sie daran gesessen, sieben Mal hat sie ihn komplett umgestaltet und damit eine „Gesellinnenprüfung“ in der neuen Sprache abgelegt. Er handelt von (der stark autobiografisch charakterisierten) Leni, die die Kämpfe 1934 mit großem Schrecken erlebt und sich in den folgenden vier Jahren den Ambivalenzen von politischem Engagement, persönlichen Ängsten und den Verführungen des komfortablen Lebens einer jüdischen Bürgerstochter aussetzt. Gerahmt ist dieses Sittenbild Wiens von ihrer aufkeimenden Liebesgeschichte mit Gustl, dem Medizinstudenten, der sich klarer von seinem politisch wankelmütigen Elternhaus abgrenzt, im Gefängnis landet und für die Demokratie kämpft. Das Buch erschien erstmals 1953 in Wien in deutscher Übersetzung von Edith Rosenstrauch-Königsberg, nun wurde es neu gedruckt. Sprachlich würde heute vieles anders formuliert werden, wie auch Charaktere und Handlung nicht einiges an Pathos entbehren. Der Text gibt jedenfalls literarisiert Einblick in diese vier Jahre und ist ein interessantes Dokument einer beeindruckenden Zeitzeugin aus Österreich.

Meike Lauggas

Gerda Lerner: Es gibt keinen Abschied. Aus dem amerik. Engl. von Edith Rosenstrauch-Königsberg. Mit einem Vorwort von Marlen Eckl. 351 Seiten, Czernin, Wien 2017 EUR 24,90

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