„Scheiß auf das Gedicht“

Die 30-jährige Kate Tempest ist in Großbritannien seit Jahren als Rapperin und Songwriterin bekannt, doch auch ihre Literatur – Romane, Theaterstücke und Lyrik – sorgt zunehmend für Aufsehen. Ihr jüngster Lyrikband wurde nun übersetzt und ist als zweisprachige Ausgabe bei Suhrkamp erschienen, im biederen Taschenbuch-Style. Dabei hätten es diese Texte durch ihre direkte Sprache und authentischen Szenen drauf, Kinder und Jugendliche – auch solche, denen „fade Gedichte“ ein Graus sind – zu erreichen. Ich hätte nur so gestaunt, wäre meine damalige Lehrerin mit einem Tempest-Gedicht in den Unterricht gekommen. Anhand dieser Zeilen hätten wir Gender/-Identität, Gesellschaft und Politik diskutieren können. „Die Jungs haben Fußball und Skaterrampen. / … Die Mädchen haben Schamgefühl.“ Warum lernen wir in der Schule „vor aller Augen zu verschwinden“? Und wer ist diese/r Teiresias, zuerst Junge, dann Mädchen, dann Mann, dann wieder Frau? „Sie muss doch mehr sein als Geschlecht und Körper?“ Tempest schreibt über Porno und Krieg, über Vollrausch und Streicheleinheiten, über Liebe und Stumpfsinn. Die manchmal rohe, dann wieder unfassbar poetische Sprache berührt auf vielfältige Weise. Jedenfalls aber ist es moderne Lyrik im besten Sinn – sie tut nicht nur so, als wäre sie von heute, sondern macht hier und heute sicht- und hörbar. „Sprache lebt, wenn man sie spricht. Bring sie zu Gehör.“ GaH

Kate Tempest: Hold Your Own. Aus dem Engl. von Johanna Wange. 240 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2016 EUR 16,50

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