Una famiglia italiana

Alle Welt spricht von Elena Ferrante (siehe auch Rezension in diesem Heft) und das ist auch gut so, aber es gibt noch mehr italienische Autorinnen, die Aufmerksamkeit verdienen. So etwa Margherita Giacobino – Autorin, Übersetzerin und Genderforscherin –, die in ihrem Roman „Familienbild mit dickem Kind“ den Bogen über mehr als 100 Jahre piemontische Geschichte spannt. Die Familiengeschichte, die sie dabei entwirrt, ist vor allem die der Frauen. Die Männer disqualifizieren sich quasi selbst als Hauptfiguren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrscht ein gewaltsames Patriarchat auf den Höfen, wo auch Ninin und ihre Schwestern aufwachsen, bis sie – aus heutiger Perspektive noch lange nicht erwachsen – in die Stadt fliehen, weil die Schufterei in der Fabrik Freiheit und Selbstbestimmung verspricht. Eine der Schwestern heiratet nach Amerika, kommt aber krank zurück, der Mann stirbt. Ihre Tochter Maria, das Auswandererkind, wächst mit ihren Tanten auf, und macht sich mit einem Gemüsegeschäft selbständig, immer dem Bankrott nahe, hat sie doch einen Spielsüchtigen geheiratet. Ihre Tochter Margherita wiederum wächst nicht nur mit den Großtanten mütterlicherseits auf, auch väterlicherseits gibt es prächtige Tanten, etwas Polonia, die Hebamme. In dieses verwirrende Geflecht von Menschen eingeschrieben ist die Zeitgeschichte, sind die Rollenbilder, der tägliche Kampf sich zu versorgen, sind auch die enormen Veränderungen, die in diesem Jahrhundert geschehen. Mal in Streifzügen, mal in intensiven genauen Schilderungen, mal weinend, mal lachend werden wir durch diesen Roman gespült. Ein ganz großes Lesevergnügen, das leider viel zu früh zu Ende geht. ESt

Margherita Giacobino: Familienbild mit dickem Kind. Aus dem Ital. von Maja Pflug. 320 Seiten, Antje Kunstmann, München 2016 EUR 22,70

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