Verhütung und/als Lifestyle 

Katrin Wegner beschreibt in ihrem Buch die Entwicklungsgeschichte der „Pille“: Kreiert zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden mit schwangerschaftsverhütender „Nebenwirkung“ mutierte die Pille zum Schönheits- und Lifestyle-Produkt. Wegner zeigt, wie die Pille in West- und Ostdeutschland auf den Markt kam und wie Frauen und Männer sie zunächst als sexualitätsbefreiend erlebten. Wegner führt Interviews mit Zeitzeuginnen der ersten Pillengeneration (geb. 1935-1955) sowie mit Frauen der 2. und 3. Generation. Nebenwirkungen wie Thromboserisiko und Verdacht auf Brustkrebsrisiko werden zunehmend bekannt. Versuche der Entwicklung einer „Pille für den Mann“ werden im 6. Kapitel angeführt. Trotz erfolgreicher WHO-Studien (Testosteronspritzen für den Mann) wurden WHO-Forschungen zur männlichen Kontrazeption 1996 eingestellt. Die Vasektomie wird im Buch nicht erwähnt. Deutlich wird, wie es für Frauen der zweiten und dritten Pillen-Generation fast dazu gehört, die Pille zu nehmen, als (selbst)verantwortliches Verhütungsverhalten. Darüber hinaus wird ein „Abschied von der sexuellen Revolution im Zeitalter von Aids“ beschrieben.

Besonders spannend fand ich beim Lesen des Buches die Interviewpassagen: Sie zeigen die Anfänge sexueller Freizügigkeit für Frauen (und auch Männer), gefolgt von Empfindungen, „Freiwild“ zu sein, sowie von „Persönlichkeitsanpassungen“: „Ich bin (…) nicht mehr so trotzig wie andere Mädchen in meinem Alter.“ Wann, wenn nicht dann?

Gerlinde Mauerer

Katrin Wegner: Die Pille und ich. Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge. 203 Seiten. Verlag C.H.Beck, München 2015 EUR  15,40

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