Verrückbare Ansichten

Von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart zieht sich die Geschichte der Familie Langner. Im Mittelpunkt steht Carla, deren 14 Jahre älterer Bruder Jan 1985 aus der DDR ausreist. Er wird nie wieder mit seiner Familie zusammentreffen. Durch ihn hatte Carla das Dorf Machandel kennengelernt, weil er dort einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Carla beschließt mit ihrer Familie einen alten Kotten zu kaufen, um ihre sprachwissenschaftliche Dissertation zu schreiben. Ihr Vater Hans, der Politfunktionär, war nach seiner Konzentrationslagerhaft als politisch Verfolgter 1945 in das Dorf gekommen, wo ihn seine spätere wesentlich jüngere Frau Johanna gesund pflegte. Der Krieg hat bei vielen tiefe Spuren hinterlassen und zu unüberbrückbaren moralischen Enttäuschungen geführt. Auch in den Augen der Betroffenen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung für eine gesellschaftliche Veränderung stark gemacht hatten, scheitert der Aufbau der neuen Gesellschaft Anfang der 1990er Jahre. Die Autorin beschönigt den Wandel des gesellschaftlichen Wertesystems nicht, sie bekräftigt, dass die Wende die Erwartungen vieler engagierter Menschen nicht erfüllt hat. Die Geschichte ist spannend aufgebaut, anhand von inneren Monologen werden unterschiedliche Sichtweisen wie in einer Oral History subjektiv wiedergegeben. „Jede revolutionäre Tat beginnt damit, das auszusprechen was ist“. Empfehlenswert! ML

Regina Scheer: Machandel. Roman. 479 Seiten, Knaus, München 2014EUR 23,70

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