Von Null auf Hundert

James Tiptree Jr. im Septime Verlag 

In den 1960er Jahren brachte Alice B. Sheldon alias James Tiptree Jr. frischen Wind in das Science Fiction-Genre. Ihre Kurzgeschichten und Romane erregten schnell enorme Aufmerksamkeit, weil darin gesellschaftliche Probleme aufgriffen und bis zu einem –  meist dystopischen – Ende weitergesponnen wurden, was dem Zeitgefühl während des „Kalten Krieges“ sehr entsprach. Hinzu kamen ein meist ungeschönter, direkter Stil und eine unkonventionelle Erzählweise, die den Leser_innen intellektuell wie auch in ihrer Vorstellungskraft einiges abverlangte. Aufsehen erregten aber auch die Spekulationen um die wahre Identität James Tiptree Jr.s, denn nicht einmal die Herausgeber (!) kannten die reale Person hinter dem Pseudonym. Dabei kam der Erfolg für Alice B. Sheldon recht überraschend. Als Tochter aus gut situiertem Hause, geboren 1915 in Chicago, durchlebte sie ihre ersten vier Lebensjahrzehnte recht abwechslungsreich, versuchte sich in unterschiedlichen Berufsfeldern wie der Malerei, der Hühnerzucht und dem Militärdienst. Sie promovierte mit über 40 Jahren in Psychologie und arbeitete für den Bildaufklärungsdienst des FBI. Das Schreiben war lange eine Nebenbeschäftigung und erst in den späten 1960er Jahren reichte sie erste Geschichten bei SF-Zeitschriften ein, die rasch Erfolg hatten.

Die Idee zum Pseudonym James T. Tiptree entstand in einem Supermarkt vor einem Regal mit Marmeladen der Marke Tiptree. Erst 1977 wurde das Pseudonym durch eine Unachtsamkeit der Autorin aufgedeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde von Fans wie von Verlegern und SF-Autor_innen wie Joan Russ oder Ursula LeGuin, mit denen die Autorin in Briefkontakt stand, viel über die Geschlechter-/Identität von James T. Tiptree gerätselt. Der Stil passt vordergründig nur zu gut zu den damals erfolgreichen männlichen SF-Autoren und doch irritierten die Geschichten, weil Frauen häufig eine zentrale Rolle spielten, dabei nicht einfach Opfer waren, sondern zumeist stark und entschlossen auftraten. Gleichzeitig waren es oft Männer, die an ihren eigenen Phantasmen scheiterten und nicht selten gleich die gesamte Menschheit mit in den Abgrund rissen. Tiptree lässt die Leser_innen dabei jedoch immer die psychische Verfasstheit der Protagonist_innen miterleben, wodurch sie banale, polarisierende Geschlechterstereotype elegant unterläuft.

Alice B. Sheldon litt über weite Strecken ihres Lebens unter Depressionen und nahm Suchtmittel ein. Sie fand sich nie in eine eindeutig weibliche Identität ein und lebte auch ihr lesbisches Begehren – soweit dies bekannt ist – nie aus. Diese geschlechtsidentitäre und begehrensbezogene Ambivalenz kennzeichnet auch ihr Werk und den kreativen Umgang mit Geschlechterkonstruktionen, Sexualitäten und Fortpflanzungsvarianten. Das Spiel mit einer männlichen Identität verlieh ihr, so ist in der Biografie von Julie Philipps zu lesen, die Freiheit, sich auszudrücken und zu schreiben. Mit ihrem zweiten Pseudonym – Raccoona Sheldon – hatte sie interessanterweise auch weniger Erfolg. Alice B. Sheldon beging 1987 gemeinsam mit ihrem Mann Selbstmord. Der Wiener Septime Verlag hat bislang sieben Bände mit Tiptrees Kurzgeschichten herausgegeben, die alle im Weiberdiwan rezensiert wurden (ab Ausgabe 1/2011). Die Rezension des letzten Band „Liebe ist der Plan“, erfolgt in dieser Ausgabe. Die Biografie von Alice B. Sheldon/James Tiptree Jr. wurde in Ausgabe 1/2013 rezensiert.

WeiberDiwan: Worüber wir gerne mit Ihnen reden möchten, ist zunächst James Tiptree Jr., und auch über den Septime Verlag. Wie entstand die Idee, Tiptree zu verlegen?

Forberger: Jürgen Schütz, der Verlagsinhaber, ist von Margo Jane Warnken, die schon die Biografie von Alice B. Sheldon übersetzt hatte, auf James Tiptree Jr. aufmerksam gemacht worden. Er war sofort von den Texten begeistert. Für ihn war klar, da muss es eine komplette Werkausgabe geben. Eine solche gibt es nicht einmal auf Englisch.

WD: Die Texte von Tiptree erschließen sich ja nicht so einfach. Die Autor_in spielt stark mit einer hypermaskulinen Sprechweise und konterkariert dies durch die tiefgehende Behandlung gesellschaftskritischer Themen. Wie haben die Leser_innen und die Rezensent_innen bisher auf die Bücher reagiert?

Forberger: Wir haben bisher nur positives Feedback bekommen auf die Reihe. Wir sind für die Gestaltung gelobt worden und die Werkausgabe wird sehr positiv angenommen.

WD: Aber sie thematisiert sehr viele kontroverse Themen teilweise in einer sehr brutalen Diktion, also Abtreibung, Umweltverschmutzung, die Selbstdestruktion der Menschheit etc. – gab es dazu konkrete Rückmeldungen?

Forberger: Also gerade die umweltpolitischen Themen sind ja jetzt noch aktueller als damals. James Tiptree Jr. hat einen bemerkenswerten Weitblick gehabt, was Themen in der Zukunft betrifft. Zum Beispiel in der Geschichte „Das eingeschaltete Mädchen“, in der es darum geht, dass die Medien den Alltag immer mehr bestimmen. Ich denke, dass die Geschichten in den 1960ern, 1970er futuristisch waren, aber heute genau passen.

WD: Mich als Rezensentin hat es sehr beeindruckt, was sie alles vorweg nimmt und radikal zu Ende denkt an technologischen Möglichkeiten, gesellschaftlichen Probleme und an Folgen menschlicher Handlungen.

Forberger: Es gab viel Zuspruch, dass die Geschichten gut sind, auch dass die Qualität der Übersetzung besser ist als frühere deutsche Übersetzungen.

WD: Einige Werke wurden schon ins Deutsche übersetzt?

Forberger: Genau, aber alle Werke wurden von uns neu übersetzt. Dabei wurde bewusst darauf geschaut, dass auch Frauen Übersetzerinnen sind, weil – wie Sie bereits bemerkt haben – James Tiptree Jr. schreibt schon sehr maskulin und wir haben darauf geschaut, dass die Texte durch männliche Übersetzer nicht noch maskuliner werden.

WD: Woran macht sich maskuline Sprechart aus Ihrer Sicht fest? Da gibt es ja auch unterschiedliche Perspektiven drauf.

Forberger: Bleiben wir bei der Geschichte „Das eingeschaltete Mädchen“: ich finde gerade in dieser Geschichte kommt das sehr stark rüber. Dieses „Hey, Mann!“, dieser stereotype männliche Jargon, den man sich so vorstellt, wenn Männer cool untereinander sprechen.

WD: Da war sicher auch eine spannende Herausforderung für die Übersetzer_innen. Mit wie vielen haben Sie da gearbeitet?

Forberger: Insgesamt haben zwölf Übersetzerinnen und Übersetzer an der siebenbändigen Werkausgabe gearbeitet.

WD: Wie haben Sie die Übersetzer_innen ausgewählt?

Forberger: Wir haben Textproben übersetzen lassen, um zu schauen, ob sie geeignet sind.

WD: Das Buch ist ja – auch wieder genre-untypisch – qualitativ sehr hochwertig produziert, also für heutige Bedingungen im Verlagswesen, wo sehr viel billig produziert wird. Gab es da eine Strategie dahinter?

Forberger: Wir haben den Slogan „Septime, das Haus der schönen Bücher“, und dazu gehört eben auch, dass man ein Buch optisch schön gestaltet eben als Hardcover, damit man etwas hat, das nicht gleich auseinanderfällt. Ein schönes, gebundenes Buch, das auch einen Schutzumschlag hat, ein Lesebändchen, etwas mit Qualität, das sich in gewisser Weise abhebt von der Taschenbuchindustrie.

WD: Und da wagen Sie sich gleich in die Science Fiction, wo diese Taschenbuchindustrie ja quasi erfunden wurde? Interessanter Bruch aus meiner Perspektive.

Forberger: Ja.

WD: Die Reihenfolge der Bände, die ist auch nicht so selbsterklärend.

Forberger: Da wollten wir Stück für Stück auf die Thematik vorbereiten. Der erste Band war „Quintana Roo“, fünfter Band in der Reihe und erster, der erschienen ist. Er hat noch nicht so viele Science Fiction-Elemente, mehr diesen magischen Realismus, dieses Utopische. Es war eine Entscheidung, dass wir Step by Step die Leser darauf vorbereiten. Bei „Liebe ist der Plan“ gibt es ja viele düstere Themen, sodass man den eher am Schluss präsentiert.

WD: Ja, das ist mir auch aufgefallen. Ich bin jetzt bei der dritten Geschichte von „Liebe ist der Plan“ und bin verwirrt. Die Autor_in nimmt in der Anlage ihrer Erzählstruktur keine Rücksicht auf den Leser und die Leserin, die Geschichte erschließt sich oft erst ganz am Schluss und man ist fast gezwungen, sie zweimal zu lesen. Da verstehe ich schon die Strategie, die von der Erzählstruktur gewohnteren Bücher zuerst zu publizieren und dann die unkonventionellen Werke.

Forberger: Wir haben uns auch ein bisschen nach der Reihenfolge gehalten, in der die Geschichten zuerst auf Englisch erschienen sind.

WD: Die Tiptree-Reihe ist ja noch nicht aus. Jetzt sind die Kurzgeschichten veröffentlicht, was kommt als Nächstes?

Forberger: Als nächstes wird der Essayband erscheinen, der auch die Gedichte und den Briefwechsel zwischen James Tiptree Jr. und Ursula K. LeGuin enthält. Für 2016 ist der erste Roman geplant, „Die Mauern der Welt hoch“, und der zweite Roman „Helligkeit fällt vom Himmel“ kommt 2017.

WD: Wann sind die Romane verfasst worden?

Forberger: Sie wurden eher später verfasst. Die Romane stammen aus den Jahren 1978 und 1985.

WD: Das heißt, Tiptree hat zuerst Kurzgeschichten geschrieben und dann doch noch zwei Romane?

Forberger: Und ein paar Gedichte und Essays, aber ihr literarisches Schaffen ist hauptsächlich auf Kurzgeschichten gerichtet.

WD: Was noch interessant wäre Tiptree ist natürlich ein gutes Beispiel für die oft übersehene Science Fiction von Frauen. Sind im Verlag vielleicht noch weitere Science Fiction Autorinnen, z.B. Melissa Scott, geplant?

Forberger: Nein, derzeit nicht. Wir haben von Frauen derzeit noch nichts in die Richtung bekommen. Das wäre aber sehr interessant.

WD: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Autorinnen aus? Das ist ja für einen kleinen Verlag immer ein bisschen riskant.

Forberger: Das stimmt. Uns interessieren gerade die Sachen, die neu sind, die gewagter sind – was wir durchaus gerne mögen, sind wirklich die Autorinnen wie Nona Fernández, da hatten Sie ja auch schon eine schöne Besprechung. Wir versuchen auch Autorinnen, deren Werke noch nicht übersetzt sind, dem Publikum zugänglich zu machen. Wir möchten gern neue Autorinnen entdecken. Und bei den österreichischen oder deutschsprachigen Autorinnen wirklich etwas, was ein frisches Thema ist, was so vielleicht noch nicht bearbeitet wurde, das darf dann gern auch ein bisschen experimenteller sein. Ein Beispiel dafür ist Gudrun Büchler, in deren Roman „Unter dem Apfelbaum“ sich herausstellt, dass das Trauma die Erzählfigur ist. Thematisch innovativ, Autorinnen, die im deutschsprachigen Raum noch nicht bekannt sind, das ist schon ein Fokus von uns. Kontroversiell – warum nicht?

WD: Haben Sie eine bewusste Auswahlpolitik, Frauen- und Männeranteile?

Forberger: Nein. Nicht bewusst zumindest. Wir publizieren gerne Autorinnen, wenn einmal von einem Mann ein toller Text dabei ist, nehmen wir den auch.

WD: Weil von anderen Verlagen manchmal so das Argument im Raum steht, dass Männer sich besser verkaufen.

Forberger: Nein, das hängt ganz von der Person ab, wie sehr sich die Person selber auch einsetzt und mithilft, das Buch publik zu machen. In meinen Augen ist das keine Geschlechterfrage.

WD: Das ist natürlich dann schon ein Risiko, wenn sie eine tote Autorin herausgeben, die kann dann nicht mehr mithelfen.

Forberger: Ja (lacht).

WD: Vielleicht eine etwas platte Frage: Hat Ihr Verlag einen gesellschaftskritischen Anspruch? Was wollen Sie mit Ihren Büchern erreichen?

Forberger: Wir wollen einmal zufriedene Leser haben, und wir möchten natürlich, dass das, was wir machen, einen Sinn hat insofern, als dass die Bücher auch gern gelesen werden. Und wenn dann eine schwarze Null am Ende steht, ist auch keiner böse. Aber vorrangig ist, dass wir gute und schöne Bücher machen.

WD: Und schön ist immer in gebundener Fadenbindung und Hardcover. Also es wird von Ihnen wahrscheinlich nie ein Paperback auftauchen?

Forberger: Unsere Reihe „Perspektivenwechsel“ wurde als Taschenbuch herausgegeben, das waren Anthologien. Aber da hat sich die Kostenfrage gestellt: Für ein Taschenbuch war der Preis zu hoch, aber wir hatten trotzdem die Kosten für die Übersetzung – es war unwirtschaftlich zu produzieren, weil man ja auch Lizenz- und Übersetzungskosten hat.

WD: Das Lektorat vergeben Sie auch extern, und den Satz?

Forberger: Das Lektorat ist extern, den Satz macht Jürgen Schütz.

WD: Sie sind zu zweit im Verlag?

Forberger: Ja genau.

WD: Für zwei Personen ist das doch…

Forberger: Ja, für nebenberuflich…

WD: Nebenberuflich?!

Forberger: Na ja, Jürgen Schütz ist im Außendienst für eine Firma tätig. Und ich bin auch nebenberuflich im Verlag tätig. Daneben arbeite ich an der Diplomarbeit fürs Publizistikstudium. Mit dem Broterwerb und mit der Verlagstätigkeit ist das locker ein 40-50 Stunden-Job.

WD: Also für den Nebenerwerb finde ich Ihr Programm wirklich beachtlich, Sie bringen ja viele Bücher im Jahr heraus.

Forberger: Ja, wir nehmen uns für die Buchmessen dann auch immer Urlaub, um den Verlag und das Programm präsentieren zu können. Es steckt von uns beiden viel Leidenschaft dahinter.

WD: Und es kostet auch was – ein Stand auf der Frankfurter Buchmesse ist sicher nicht billig.

Forberger: Nein!

WD: Haben Sie vor, den Verlag auf vollberuflich zu bringen?

Forberger: Ja, das ist schon das Ziel. Zumindest, dass einmal einer einen Verdienst dadurch hat. Wir müssen halt in kleinen Schritten gehen, aber grundsätzlich wäre das schon das Ziel: dass man etwas literarisch Gutes produziert, aber auch, dass man eine Anstellung hat.

WD: Andere, sehr kleine Verlage, produzieren pro Jahr ein oder zwei Bücher, aber bei Ihnen ist das ja doch deutlich mehr.

Forberger:  Dieses Jahr haben wir dreizehn Bücher produziert. Bisher war es so, dass vier Bücher pro Halbjahr erschienen sind, dieses Jahr haben wir unser Pensum fast verdoppelt.

WD: Das ist Engagement. Und das ist finanziell ja nicht unriskant, das muss man ja alles vorstrecken, die Produktionskosten und die Übersetzungskosten.

Forberger:  Ja, genau. Wir reichen für einige Bücher auch Förderungen ein und sind froh, wenn wir da ein bisschen Förderung für die Übersetzung erhalten, aber das ist noch lang nicht kostendeckend.

WD: Was müsste sich denn ändern, also von politischer Seite, dass ein Verlag wie Ihrer mit Vollbeschäftigung arbeiten könnte, also existenzsichernd?

Forberger:  Wir bekommen von staatlicher Seite eine Verlagsförderung und sind natürlich sehr froh und dankbar darüber. Für eine Vollzeitbeschäftigung reicht das allerdings nicht. Wichtig ist auch, dass wir die Umsätze steigern und viele, viele Bücher verkaufen…

WD:  Wie hoch sind Ihre Auflagen?

Forberger:  Das ist ganz unterschiedlich, das hängt vom Titel ab.

WD: Bei Tiptree zum Beispiel?

Forberger:   Da haben wir eine Auflage von 1000, 1200.

WD: Das heißt, Sie setzen dann stark auf Nachdruck.

Forberger:  Ja.

WD: Also nicht: Wir drucken jetzt 15000 und schauen was passiert.

Forberger:  Nein, das geht nicht, das können sich nur Verlage wie Suhrkamp leisten, kein österreichischer Verlag macht das in der Dimension.

WD:  Danke für das Gespräch und weiterhin alles Gute!

Roswitha Hofmann & Gabriele Mraz

Der im Gespräch erwähnte Essayband mit Gedichten und dem Briefwechsel zwischen Tiptree und LeGuin wird in der nächsten Ausgabe des WeiberDiwan rezensiert werden.

 

Terminhinweis 4.12.-6.12.2015

Tiptree-Veranstaltung im Rahmen der Kritischen Literaturtage in Salzburg
In der vorliegenden WeiberDiwan-Ausgabe finden Sie auch die Rezension eines weiteren Buchs aus dem Septime Verlag, „Hinter die Zeit“ von Corinna Antelmann.

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