Vor der Steinigung

Bilqiss steht vor dem islamistischen Gericht der Scharia. Sie hat eines Morgens, weil die Umstände sich so fügten und obwohl Frauen dies verboten ist, vom Minarett zum Gebet gerufen, und das in höchst ungewöhnlichen Formulierungen. Sie besitzt Geschichtsbücher und Spitzendessous und eine Widerständigkeit, die keinerlei bequeme Etikettierung erlaubt. Auch der Leserin* nicht.

Das Urteil der Steinigung steht mehr oder weniger fest. Der Richter zieht die Verhandlungstage in die Länge. Er sucht Bilqiss‘ Nähe. Auch seine Lebensgeschichte ist alles andere als frei von Abgründen. Leandra, amerikanische Journalistin, will unbedingt vor Ort berichten. Im Netz kursierende Videos von der Auspeitschung der Angeklagten haben all ihr westlich-wohlwollendes Retterinnen-Engagement mobilisiert. Die Geschichten, die die drei erzählen, erweisen sich als doppelbödig. Momente des politischen und persönlichen Verstehens trügen, oder doch nicht? Handelt schließlich jede der Personen, wie sie muss? Die in Marokko geborene, in Frankreich lebende Schriftstellerin Saphia Azzeddine hat hier einen höchst atemberaubend-aufregenden, bösen und doch liebevollen Roman vorgelegt. Leseempfehlung! Hanna Hacker

Saphia Azzeddine: Bilqiss. Aus dem Franz. von Birgit Leib. 173 Seiten, Klaus Wagenbach, Berlin 2016 EUR 20,60

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