Aufstieg und Fall mit Schleckeis

Ein Roman zum genussvollen Schmökern und Eintauchen – eine klassische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte in den USA, diesmal aus weiblicher Perspektive und voller Perspektivwechsel: Die Protagonistin spricht mal aus heutiger Sicht und erzählt im fließenden Übergang ihre Vergangenheit weiter, die sie durchgehend harsch und humorvoll kommentiert. Auf der Flucht vor antisemitischen Progromen in Russland landet die ca. 5-jährige Malka 1913 mit ihren Eltern und Schwestern etwas ungeplant in New York. Bittere Armut, Hunger, Gestank und zerrüttete soziale Beziehungen prägen den Start im jüdischen Viertel, dem sie durch weiteres Unglück, Mitleid, Zufälle, einer großen Klappe, Geschick und unbändigen Überlebenswillen sukzessive entrinnt und schließlich zur millionenschweren Eisproduzentin wird. „Verklagt mich doch!“ ist die das ganze Buch durchziehende Redewendung der erzählenden Protagonistin, der von Anfang an der mögliche Verlust alles Errungenen droht. Rechtsklagen werden dabei aber auch zum Sinnbild von schnellem Aufstieg und Fall in den USA, dem Land, das als jenes der unbegrenzten Möglichkeiten dargestellt wird, wo aber auch nichts fix ist, Reichtum und Berühmtheit, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit können im fliegenden Wechsel jederzeit relevant werden. Die selbstbewusste und schnoddrige Lillian, wie Malka später heißt, schildert unprätentiös und gewitzt diesen beeindruckenden Lebenslauf, dessen Ausgang ungewiss, die Verwurzelung an Herkunft und Aufwachsbedingungen jedoch faszinierend präsent bleiben. mel
Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street. Roman. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. 553 Seiten, Insel Verlag, Berlin 2015  EUR 20,60

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