„Der Lauf der Dinge“

… eine in diesem Roman explizite Anspielung auf den Film von Fischli & Weiss (CH 1987), der das Prinzip des Dominoeffektes zeigt, nach dem ein Impuls den nächsten in Gang setzt – und immer so weiter. Dieses Prinzip ist gleichsam Konzept des Romans. Für die Protagonistin Emilienne, weitgehend unbekannte Fotografin, ist der psychische Zusammenbruch ihrer in praktisch jeder Hinsicht erfolgreichen Freundin Julie der Auslöser dafür, „perfekte“ Frauen zu suchen – „Heldinnen des Alltags, Frauen, die in ihrem Umfeld als Vorbild gelten“ –, um sie für einen Fotowettbewerb zu porträtieren. Ihr erstes Model, eine von Julie bewunderte Ärztin fortgeschrittenen Alters, will sich zwar nicht fotografieren lassen, vertraut ihr jedoch ein wohlbehütetes Geheimnis an, eine durchaus eigenwillige Geschichte in der Geschichte. So verwebt sich eine Begegnung mit der nächsten, aus einer Geschichte entsteht die nächste. Emilienne lernt die unterschiedlichsten Frauen kennen, die ihr von sich erzählen. Sie alle sind auf ihre Weise Heldinnen, die ihr Leben leben, auch wenn sich hinter fast jeder Geschichte eine Tragödie verbirgt. En passant gelingen somit berührende biografische Vignetten, die durch den scharfzüngigen Ton der Ich-Erzählerin Emilienne pointiert und zugleich mit erfrischendem Humor zur Geltung kommen. Im Zuge ihrer Suche trifft Emilienne auf Georgia, in die sie sich Hals über Kopf verliebt. In der Figur Georgia verdichtet sich der Entwurf eines Momenterlebens, der Unwiederholbarkeit von Augenblicken, des Sekundenbruchteilglücks. Momentaufnahmen, die Emilienne mit der Kamera einfangen und festhalten wird … Karin Ballauff

Anne Berest: Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau. Aus dem Franz. von Gaby Wurster. 235 Seiten, Knaus, München 2016 EUR 20,60

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