Die Schapire-Schwestern

Die Nationalgalerie Berlin besitzt ein expressionistisches Porträt von Rosa Schapire aus dem Jahr 1920, das sie mit genervtem Gesichtsausdruck zeigt, man meint darin ein „Bist du bald fertig?“ zu lesen. Das richtet sich an den Maler des Bildes, Walter Gramatté, dem Schapire – neben anderen jungen Kunstschaffenden – zu öffentlicher Wahrnehmung verhalf. Die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci und der Politikwissenschafter Günther Sandner wiederum verhelfen mit ihrer kompilierten Doppelbiografie Rosa Schapire und ihrer Schwester, der Sozialwissenschaftlerin und Schriftstellerin Anna Schapire, zu gebührender Öffentlichkeit. Die Schapires kamen im späten 19. Jahrhundert im ostgalizischen Brody zur Welt, lebten in Hamburg, Bern, Berlin und Wien, wo Anna Schapire schon 1911 verstarb. Rosa Schapire floh vor den Nazis nach London, war dort weiter als Kunstsammlerin und -mäzenin tätig, nicht wenig frustriert von der vorherrschenden Ignoranz: „ […] sie haben von deutschem Expressionismus überhaupt keine Ahnung.“ Sie starb 1954 symbolträchtig in der Tate Gallery. In zwölf Texten über bildende Kunst, Schreiben, frauen- und arbeiter_innenpolitisches Engagement, verfasst von Autor_innen verschiedener Fachrichtungen, wird ein Kontext hergestellt, in dem das Leben der Schapires und ihr eigenständiges Werk erzählt werden kann. Das beinahe 300 Seiten dicke biografische Buch verspricht aber in erster Linie, Wissenslücken zu schließen – für Neulinge und Schapire-Kenner_innen gleichermaßen.

Lisa Bolyos

Rosa und Anna Schapire: Sozialwissenschaft, Kunstgeschichte und Feminismus um 1900. Hg. von Burcu Dogramaci und Günther Sandner. 288 Seiten, AvivA Verlag, Berlin 2017 EUR 25,70

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