Die Welt der Selma Lagerlöf

Im deutschsprachigen Raum ist Selma Lagerlöf (1858-1940) vor allem als Autorin des „Nils Holgersson“ bekannt, wobei viele, die mit der Trickfilmserie groß geworden sind, wahrscheinlich nie das Buch zu Gesicht bekamen. Jedenfalls sieht man sie am ehesten als Kinderbuchautorin. Literaturgeschichtlich Interessierte kennen sie als erste Frau, die für ihr umfangreiches literarisches Werk 1909 den Nobelpreis erhielt und als erste Frau, die in die Schwedische Akademie gewählt wurde. Was umso bemerkenswerter ist, als bis heute nur neun von bisher insgesamt 190 Mitgliedern Frauen waren. Darüber hinaus bietet Lagerlöfs Lebensgeschichte aber viele weitere interessante Aspekte, die anlässlich ihres 75. Todestages nun auch in der neuen deutschsprachigen Biografie „Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt“ nachzulesen sind. Wie der Untertitel schon verrät, wird ausführlich auf ihre zeitlebens wichtige Verbundenheit zu ihrer Herkunftsregion Värmland, v. a. das Gut Mårbacka eingegangen, das der Vater einst verloren hatte und das Lagerlöf dank ihres auch ökonomischen Erfolges später zurückkaufen konnte. Bemerkenswert sind Lagerlöfs ausgedehnte Reisen nach Italien, aber auch Ägypten, Palästina und Konstantinopel, die entsprechend Niederschlag in ihren Romanen fanden. Auch Lagerlöfs Wirken in der Frauenstimmrechtsbewegung und ihrem sozialen Engagement wird in der Biografie Rechnung getragen.
Neue Facetten der Autorin wurden bekannt, als 50 Jahre nach ihrem Tod tausende Briefe zugänglich wurden, die ihr Privatleben in einem neuen Licht zeigen. Die bis dahin oft als eine Art „alte Jungfer“ dargestellt wurde, die mangels Ehemann erst Lehrerin wurde und dann als „einsame“ Schriftstellerin lebte, hatte zu ihrer Schriftstellerkollegin und Reisegefährtin Sophie Elkan sowie zu ihrer Freundin Valborg Olander auch Liebesbeziehungen, deren Höhen und Tiefen in eben jenen Briefen nachvollziehbar werden.
Neben der Biografie würdigt der Verlag Urachhaus Lagerlöf auch durch eine Neuauflage der sogenannten Löwensköld-Trilogie, dem Spätwerk der Autorin zuzurechnen und insofern unvollständig, als das offene Ende des dritten Bandes auf einen geplanten vierten Band zurückzuführen ist. Mit vielen Referenzen auf ihr Gesamtwerk, mit einer Mischung aus an Märchen und Sagen erinnernden Zügen, der Darstellung der värmländischen Lebensbedingungen und der Beschäftigung mit religiösen Fragen schließt sich mit der Trilogie gleichsam Lagerlöfs literarischer Schaffenskreis. ESt
Selma Lagerlöf: Die Löwenskölds. Drei Romane. Aus dem Schwedischen von Marie Franzos und Pauline Klaiber-Gottschau. 720 Seiten, Urachhaus, Stuttgart 2015  EUR 25,60


Holger Wolandt: Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt. Eine Biografie. 320 Seiten, Urachhaus, Stuttgart 2015 EUR 23,60

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