Doing mother im postfordistischen Wandel

Berufstätigkeit von Müttern war in der DDR und sei auch heute noch in Ostdeutschland selbstverständlicher – dies ist die Ausgangserzählung, der Astrid Baerwolf in ihrer umfangreichen ethnografisch angelegten Studie nachgeht. Sie versucht dabei die Frage zu klären, inwieweit sich das Verhältnis von ostdeutschen Müttern zu ihrer Berufstätigkeit verändert hat und warum auch dort die weibliche Erwerbsquote sinkt, obwohl sie dennoch höher als in Westdeutschland ist. Um einen Generationenvergleich der jeweiligen Mütter anstellen zu können, differenziert sie in DDR-, Wende- und Nachwendemütter, bezieht strukturell veränderte Bedingungen wie Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Neoliberalismus ein, erforscht den Wandel der Kindheits- und Elternschaftskonzepte und widmet sich schlussendlich den Professionalisierungslogiken von doing mother und den neuen Care-Ökonomien in Ostdeutschland. Während in der DDR Kindheit und Elternschaft weniger von den beruflichen Sphären der Erwachsenen abgetrennt waren und Baerwolf für diese Epoche von einer pragmatischen Mütterlichkeit spricht, findet nun eine neotraditonelle „Ghettoisierung“ von Müttern statt. Dieser zumindest vorübergehende Rückzug geht mit ideologisch gespeister Aufwertung von klassischen Familien und der Vermütterlichung von Jobs einher, was als Anpassungsstrategie an postfordistische Überlastungen interpretiert wird. Paradoxerweise ziehen sich die Mütter aus der Arbeitsgesellschaft zurück, um die Kinder fit für eben diese zu machen – so die ernüchternde Bilanz dieser Studie, die wohl auch überregionale Gültigkeit besitzt. mel

Astrid Baerwolf: Kinder, Kinder! Mutterschaft und Erwerbstätigkeit in Ostdeutschland. Eine Ethnografie im Generationenvergleich. 320 Seiten, Wallstein Verlag, Göttingen 2014  EUR 35,90

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