Glücksforschung im Hotel Post

Der pensionierte Karl ist fasziniert von der Erforschung des Bruttonationalglücks in Bhutan. Sein Sohn organisiert ihm die Originalfragen, und gemeinsam mit seiner Frau Margit arbeitet er sie um, damit sie für Österreich passen. Gerne würde er mit Margit gemeinsam eine Befragung hierzulande durchführen, aber er muss es alleine tun. In einem Schiort, der auf Schnee wartet, quartiert er sich im Hotel Post ein. Dort ist es kalt, er ist ja auch der einzige Gast. Die Wirtin soll seine erste Befragte werden. Dass ein Durchgang etwa drei Stunden dauert, verschweigt er. Irgendwie klappt es auch nicht so ganz mit der Distanz zum Forschungsobjekt, und das erste Gespräch endet darin, dass er Tarotkarten gelegt bekommt. Die männlichen Gesprächspartner sind vor allem am Holzmachen interessiert, einer teilt ihn gleich ein, mit ihm einen Baum zu fällen. Es läuft ein wenig zäh für Karl. Außerdem wollen ihm alle dauernd Gerüchte erzählen, und Namen nennen, das will er aber gar nicht wissen. Prompt fangen die DorfbewohnerInnen an, über ihn und seine Motive zu spekulieren, wie’s halt so läuft am Land. Anna Weidenholzer hat ein ruhiges Buch vorgelegt, in dem der Hauptheld sich schnell von seinem Alltag entfernt und langsam wieder annähert. Mit feinem Humor skizziert sie die prototypische Bevölkerung eines abgewirtschafteten Tourismusorts und die Schwierigkeiten, durch Forschung ein Verständnis für das eigene Leben zu finden. Schön! gam

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen. 190 Seiten, Matthes & Seitz, Berlin 2016 EUR 20,60

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