Heitere Abgründe

Ida Simons, eine 1911 in Antwerpen geborene Konzertpianistin, hat erst nach den Schrecken der Nazizeit, die sie als Jüdin in den Lagern Westerbork und Theresienstadt durch- und überlebt hat, zu schreiben begonnen. Mit dem autobiografisch getönten Roman „Vor Mitternacht“ hatte sie 1959 großen Erfolg in den Niederlanden. Kurz darauf mit nur 49 Jahren verstorben, wurde sie bald vergessen und erst jetzt in den Niederlanden und nun in Deutschland wiederentdeckt. Was es wiederzufinden gilt, ist ein heiterer Roman über das Aufwachsen der zwölfjährigen Gittel, die Pianistin werden will, durch den Kontakt mit einer Bankiersfamilie plötzlich auf einem Steinway spielen kann und durch die Freundschaft mit der älteren Tochter des Hauses in alle möglichen Liebes- und Loyalitätskonflikte des Erwachsenwerdens hineingezogen wird. Und zwischen den leichthin erzählten Episoden über das Leben in der jüdischen Gemeinde in Antwerpen und in Scheveningen, über die Ehekonflikte der Eltern und die Streitereien unter Schulfreundinnen blitzen manchmal die Abgründe der Kindheit und Jugend auf, die Momente der Wahrheit hinter den heiteren Anekdoten eines zielstrebigen jungen Mädchens. Helga Widtmann

Ida Simons: Vor Mitternacht. Aus dem Niederl. von Marlene Müller-Haas. 223 Seiten, Luchterhand, München 2016 EUR 20,60

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