Kollaboriere nicht mit dem Vergessen

Nieve – Schnee – ist der Name der kubanischen Protagonistin in Wendy Guerras Roman „Alle gehen fort“. Ein ungewöhnlicher Name für ein Kind eines Landes, in dem es nicht schneit. Nieve schreibt von Kindesbeinen an Tagebuch, es ist ihre Zuflucht. Ihre Stärke. Manchmal versteckt sie sich darin, und ein anderes Mal verschärft sie ihre Situation durchs Tagebuchschreiben zunehmend. Als der Vater das Sorgerecht für Nieve bekommt, da ihre Mutter mit einem Schweden Fausto „moralisch verwerflich“ lebt, verbietet er ihr das Tagebuchschreiben. Gefolgt von Schlägen und Essensentzug. Hier wird zum ersten Mal anhand einer persönlichen Geschichte die Absurdität der sozialistischen Bürokratie sichtbar. Nach einem väterlichen Gewaltexzess wird Nieve vom Schuldirektor zur Mutter zurückgebracht. Nach und nach gehen alle Personen, die Nieve nahestehen weg, Alan, ihr Schulfreund, Osvaldo, ihre erste Liebesbeziehung, und andere verlassen Kuba. Mit dem leisen Versprechen Nieve nachzuholen. Augusto, ihr Liebhaber, landet im Gefängnis. Durch die Ereignisse in Nieves Leben wird der kubanische Sozialismus angeprangert, selten ergreift sie direkt das Wort der Kritik, oftmals sprechen die Ereignisse für sich. Die Armut, die absurde Bürokratie, die Überwachung, verpflichtende militärische und landwirtschaftliche Dienste fürs Land. Am Ende setzt ein politischer Liebesbrief Augustos aus dem Gefängnis Kuba und den damals aufkeimenden Sozialismus international in Beziehung zueinander. Ein politisches Liebeswutgedicht. Ein starker Debütroman.

jaw

Wendy Guerra: Alle gehen fort. Aus dem Span. von Peter Tremp. 200 Seiten, Unionsverlag, Zürich, 2017 EUR 13,40

 

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