Neun Monate

Neun Monate dauert die Reise in den Tod, genauso lange, wie es braucht, um einen Menschen in die Welt zu bringen. Roswitha Quadflieg ist Begleiterin und Chronistin auf dem Weg ihrer 92-jährigen Mutter in das Niemandsland. In der Zeit zwischen Leben und Sterben lernt die Tochter eine Mutter kennen, die sich neu entdecken lässt. Aus der Heilpädagogin, die noch bis vor kurzem auf dem Computer wissenschaftliche Beiträge für Fachzeitschriften verfasste, wurde „Frau Anders“ – eine gebrechliche, zarte, verwirrte Frau, die sich gewissenhaft auf ihr Ende vorbereitet. „Ich bin im Strom“, sagt sie zur Tochter, „mir wurden die Worte geklaut.“ Seit fünf Jahren lebt die alte Frau in einer Altenresidenz. Als die Zwangseinweisung in die Psychiatrie droht, weil die alte Dame renitent und desorientiert ist, unterbricht die Tochter einen Ferienaufenthalt in Marrakesch, um ihre Mutter zu sehen, „ehe es zu spät ist“. Der Umzug in ein Pflegeheim ist unumgänglich. Dort wird sie in einem Zweibettzimmer die letzten neun Monate ihres Lebens verbringen. Manchmal, wenn beide Patientinnen schlafen, kommt es der Tochter vor, „als wache ich über zwei seltsame Zimmerpflanzen, die da nebeneinanderher wachsen, verwelken, vergehen“. Roswitha Quadflieg, Tochter des 2003 verstorbenen Schauspielers Will Quadflieg, gibt mit ihren Aufzeichnungen „über das Sterben meiner Mutter“ einen berührenden Einblick in die letzten Dinge vor dem Tod. Es ist eine Annäherung im Abschiednehmen und ein Verstehen, dass es ein Glück für die Mutter sein kann, „nach all den Jahren der Hingabe an die Familie, Kinder, Beruf endlich einmal die Bürde der Verantwortung abzuwerfen“. Der Autorin gelingt es, das Loslassen mit klugen, auch witzigen, vor allem mit tröstlichen Worten zu begleiten.  Bärbel Danneberg

Roswitha Quadflieg: Neun Monate. Über das Sterben meiner Mutter. 160 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2014EUR 18,50

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