Verlass die Stadt und alles wird gut

Am Land lebt es sich billiger, schon allein deshalb, weil frau dort in Männer T-Shirts und Jeans von Walmart passend gekleidet ist. Dass es sich am Land billiger lebt, war auch der Grund, weshalb die Fotografin Rebecca Winter New York überhaupt verlassen hat. 1.000 Dollar Miete zahlt sie für das kleine, ziemlich marode Häuschen am Waldrand, 5.000 bekommt sie von den Untermietern ihrer Wohnung in New York. Davon kann Rebecca Winter leben, das teure Pflegeheim für ihre Mutter finanzieren und auch den erwachsenen Sohn noch ein bisschen sponsern, obwohl es finanziell für sie derzeit nicht gut aussieht. Ihre großen Erfolge als Fotografin liegen schon Jahrzehnte zurück. Die Erfolge sind ihr damals als junge Mutter mehr passiert, als dass sie sie geplant hatte. Jetzt, mit fast sechzig, passiert ihr aus der Not heraus der Neuanfang. Anna Quindlen hat eine durch und durch sympathische Hauptfigur geschaffen, die sich den neuen Lebensbedingungen stellt und das Selbstmitleid mit Pragmatismus und dem Willen zum Glücklichsein besiegt. In die Geschichte verpackt Quindlen Weisheiten über das (Frauen-)Leben an sich, die in ihrer lebensklugen Art wohl kaum jemanden vor den Kopf stoßen. Stillleben mit Brotkrümeln – wie der Roman im Original nach Rebecca Winters berühmtestem Foto heißt – ist ein leichtes und unterhaltsames Lesevergnügen. Ein paar zusätzliche Ecken und Kanten hätten den Charakteren allerdings nicht geschadet. Und auch die Liebesgeschichte ist etwas gar klassisch geraten. Nett.
 Constanze Ertl
Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Roman. 320 Seiten, DVA, München 2015 
EUR 20,60

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