Abgeschlachtet

„Familientragödie“ titelt der Boulevard. Das macht die Kommissarin Clara Coban wütend. Eine junge Frau wurde von ihrem Ehemann in der eigenen Küche mit einem Messer erstochen, vor den Augen ihrer Tochter. Das ist Mord. Ein Mord an einer Frau, die vor häuslicher Gewalt flüchten wollte. Nur kurze Zeit später wird eine andere Frau auf dem Weg vom AMS zurück ins Frauenhaus von ihrem Verfolger erstochen. Das Baby im Kinderwagen lässt er zurück. „Wie konnte das Schwein dem Kind auf offener Straße seine Mutter wegschlachten? Mitten in Wien?“ Viel zu oft hatte Clara Coban in ihrer jungen Karriere an solchen Tatorten zu tun und je tiefer sie in die Materie eindringt, umso klarer wird: Diese Frauenmorde könnten verhindert werden. Durch schnellere und entschlossene Polizeiarbeit. Und durch ein radikales Umdenken in der Gesellschaft, in den Medien… Maria Stern hat sich für ihren ersten Roman ein wichtiges und komplexes Thema ausgesucht, wofür sie gewissenhaft recherchiert hat. Sie findet die richtigen Worte, baut durch mehrere Handlungsstränge Spannung auf, die es der Leserin schwer machen, das Buch wieder weg zu legen. Und das obwohl einer schon beim Prolog die Tränen in die Augen steigen – vor Betroffenheit und Wut. Weil all das passiert, nicht nur im Krimi. Bleibt zu hoffen, dass die Geschichte viele LeserInnen findet und den Lücken im Gewaltschutz Aufmerksamkeit verschafft. GaH

Maria Stern: Acetat. Clara Cobans erster Fall. 268 Seiten, Wortreich, Wien 2016 EUR 19,90

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