Die Essenz der Kleinfamilie

Die Mutter ist 60 Jahre alt geworden, und das soll im Gasthaus des Ortes begangen werden. Alles ist geplant, Vater, Bruder und Schwägerin und nun auch die Tochter sind schon eingetroffen. Nur die Jubilarin kommt nicht, obwohl es bereits 12 Uhr ist. Die Tochter, das schwarze Schaf der Familie, hat auf der Herfahrt alle Zustände, ihr Mann hat sich verweigert mitzukommen. Die Schwägerin trinkt – aber das ist akzeptabel im Vergleich zum multiplen und nie enden wollenden Versagen der Tochter. Der Bruder versucht sich als Abbild des Vaters, aber auch er genügt nicht zur Gänze. Und der Vater, ein wichtiger Mann im Ort, wird zunehmend unsicher durch das Fehlen der Mutter, mit der er ein siamesisches Gespann des traditionellen Ernährer-Hausfrau-Modells abgibt. Ja, und die Mutter – ist sie weggelaufen? Oder ist ihr etwas zugestoßen? Kathrin Groß-Striffler hat einen sehr konsequenten und präzisen Erzählstil, der nicht zulässt, etwas auszusparen, etwas leichter zu machen, oder sich über etwas hinwegtäuschen zu können. Die Autorin schafft es problemlos, auf nur 126 Seiten jahrzehntelanges familiäres Grauen mit einem hintergründigen Humor zu destillieren. Das ganze Buch hindurch hofft man auf einen Lichtblick, ein Ende in Frieden, ob es kommt, wird hier nicht verraten – selber lesen! Große Empfehlung! gam

Kathrin Groß-Striffler: Mutters Fest. 126 Seiten, Müry Salzmann, Salzburg – Wien 2016 EUR 19,00

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