Große Autorin würdigt große Autorin

Ausgiebig wurde der 100. Todestag von Marie von Ebner-Eschenbach gefeiert, so dass wir dieser Großen der österreichischen Literatur nach langer Verdrängung gerecht werden. Eine besondere Stimme erhebt dabei Ruth Klüger mit ihrer Rede auf die „Anwältin der Unterdrückten“. Sie arbeitet die Kühnheit heraus, mit der Ebner-Eschenbach Gesellschaftskritik übt und Tabus mit Themen bricht, die als absolut skandalös galten. Es sind „die Bruchstellen einer Gesellschaft“, die Verbrechen ungeahndet lässt, wenn sie an niedrigeren Schichten begangen werden oder eben an Frauen: die Vergewaltigung, die diese für den Rest ihres Lebens traumatisiert – ein Tabu, das auch der heutigen Germanistik keine Aufmerksamkeit wert ist. Klügers präziser und sensibler Blick zeichnet dabei heraus, wie Ebners Kunst über „die Sozialkritik hinausgeht“ und dadurch den Leser [sic!] zu einer „selbständigen Kritik an den Verhältnissen“ reizt, „statt zu einem vielleicht verschwommenen Mitgefühl“. Ruth Klüger fragt danach, wie „die hochadelig geborene Gräfin Dubsky zu ihrem dichterisch-soziologischem Scharfsinn“ kam, noch dazu im dauernden Widerstreit zu den Anforderungen ihrer Familie und ihrer Gesellschaftsschicht. Die Ebner nachfolgende Zeit hat dieser starken und unerschrockenen Autorin Etikettierungen wie „Damenliteratur“ aufgeklebt, ihr somit jede Ernsthaftigkeit abgesprochen und uns so um einen hochinteressanten und auch humorvollen Lesestoff gebracht. Stattdessen fordert Ruth Klüger mit einladender Geste ein mitzudenken, was ihre Ausführungen so inspirierend macht. Eva Geber

Ruth Klüger: Marie von Ebner-Eschenbach – Anwältin der Unterdrückten. 72 Seiten, mandelbaum Verlag, Wien 2016 EUR 9,90

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