Sublim

Gleich vorab gesagt: Anne Carson lesen heißt, sich auf Sprünge zwischen Antike und Gegenwart einzulassen und bitte keine Angst vor Bezügen zu klassischen Topoi oder „Gott“ an sich zu haben. Anne Carson lesen heißt, sich auf das textliche Zusammenspiel der Gattungen Gedichte, Oper und Essays einzulassen. Die kanadische Autorin, Jahrgang 1950, ist Altphilologin und auch gefeierte Avantgarde-Lyrikerin. Der 2005 in den USA erstmals erschienene Band startet mit familiärem Bezug, mit Gedichten zur alten, kranken und sterbenden Mutter. Bald darauf geht es um einen geliebten Mann, um eine sehr schmerzhafte Trennung, um den Versuch zu halten – und zu verlieren. Ein ganzes Kapitel ist dem Erhabenen gewidmet. Zum Vergnügen werden der Regisseur Michelangelo Antonioni und die Filmschauspielerin Monica Vitti herangezogen, zu der Immanuel Kant eine Frage hatte, die in komplizierter Dämmerung endet. Zum Schluss des Buches kommt das am Beginn Vorweggenommene: die Auflösung, die Decreation (der von der Autorin bei Simone Weil geliehene Begriff der „Rückschöpfung“). Es könnte möglich gewesen sein, dass sich beim Lesen von „Decreation. Eine Oper in drei Teilen“ der nicht mehr ungeschehen zu machende Gedanke im Leserinnenkopf aufgedrängt hätte, die bekannte österreichische Komponistin Olga Neuwirth hätte dieses Libretto von Anne Carson vertont. Vielleicht hätte aber Neuwirth das Libretto auch radikal abgelehnt. Das bleibt jedoch reine Mutmaßung. Doris Hauberger

Anne Carson: Decreation. Gedichte, Oper, Essays. 252 Seiten, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2014 
EUR 25,70

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