Unschickliches Geschlecht

Chloé Cruchaudet zeichnet in ihrer preisgekrönten Graphic Novel die spannende Geschichte von Louise Laundy und Paul Grappe nach. Das lebenslustige und unkonventionelle Paar lernt sich 1911 bei einem Tanzabend kennen, wo es sich bald in seinem ganz eigenen Tanz wiegt. Doch das Glück währt nicht lange, kurz nach der Hochzeit muss Paul zum Militärdienst – und anschließend in den 1. Weltkrieg, wo er das Gemetzel nicht erträgt und schließlich desertiert. Louise besorgt ein Versteck und unterhält die beiden mit ihrem Lohn als Näher_in, doch droht Paul die Todesstrafe, sobald er die Enge der Wohnung verlässt. Da kommt ihm die Idee, sich eine weibliche Identität zuzulegen – und mit Louises Hilfe wird aus Paul Suzanne. Zehn Jahre lang lebt er_sie als Suzanne, zehn Jahre, in denen si_er immer wieder von den Schützengräben heimgesucht wird, als Frau schlecht verdient, trinkt, exzessiv Sex nicht nur mit Louise, sondern auch in der libertären Szene hat, und vor allem immer mehr Suzanne wird, so dass Suzanne nach der Amnestie nicht einfach zu Pauls Gunsten verschwindet.

Cruchaudet zeigt in großartigen, raffinierten, eindrucksvollen und auch liebevollen Zeichnungen, auf welche Weise (Suzannes und Louises) Weiblichkeit erworben wird, welche Stereotypen es zu erfüllen gibt, welchen Normen sie wie auch diese Beziehung unterliegt. Dabei geht es nicht um ein richtiges oder falsches Geschlecht, wie die Übersetzung suggeriert, sondern vielmehr darum, was sich in einer Gesellschaft „schickt“, was als „guter Geschmack“ oder vielmehr als verdorben gilt. Eine unbedingte Empfehlung! Dagmar Fink

Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht. Graphic Novel. Übersetzt von Marc André Schmachtel und Sahar Ramini. 160 Seiten, avant-verlag, Berlin 2014EUR 25,70

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