der ganz normale wahnsinn

„Die Ehefrauen von Los Alamos“ (so der Originaltitel) sind so unterschiedlich wie die anderer Städte auch. Der Grund, warum sie ihren Männern in den 1940ern dorthin gefolgt sind, sollte die Welt für immer verändern, wurde ausgerechnet ihnen jedoch bis zuletzt auch von diesen verheimlicht: der Bau der Atombombe. Die Aufregungen und Langeweile eines kinderreichen und militärisch kontrollierten Familienlebens im unwirtlichen New Mexico, die kleinen Sorgen und großen Zweifel in einem zivilen Alltag, der auch von der Armee nie ganz lückenlos überwacht werden kann, den Zwang zur Geheimhaltung und das sich daran Gewöhnen schildert die Autorin hartnäckig aus einer kollektiven Erzählposition. Diese ist jedoch vielfach gebrochen, steht sie doch im Gegensatz zur strukturellen Vereinzelung der Wissenschaftler-Gattinnen (und wenigen Wissenschaftlerinnen). In geteilten Erfahrungen, Erfolgen und Erschütterungen wird dieses „wir“ jedoch punktuell tatsächlich kollektiv. Die kurzen Kapitel und zahlreichen Absätze, das sich dauernd verschiebende und doch konstante „wir“, und nicht zuletzt die Ungeheuerlichkeit der historischen Realität, die dieser Erzählung zugrunde liegt, halten die Spannung. Die Ambivalenzen und das Unwohlsein, die sich beim Lesen bisweilen einschleichen, spiegeln nur allzugut die Realität der „Ehefrauen von Los Alamos“ wider. Claudia Brunner

TaraShea Nesbitt: Was wir nicht wussten. Roman. Übersetzt von Barbara Schaden. 256 Seiten, DuMont, Köln 2014
EUR 20,60

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