Raus ins normale Leben

Alba erinnert sich an die Besuche bei ihre Großmutter Pepi in Israel, die stets zu weinen beginnt, wenn sie Alba und ihre jüngere Schwester sieht. Vater Avigdor erkärt dies den Mädchen damit, dass die alte Frau die Existenz dieser Enkelinnen als Wunder empfände. „Mit diesem Konzept kann ich nichts anfangen. Das Leben hat kaum begonnen, es ist zu früh, als dass der Tod auch nur auf der Bildfläche erscheinen darf.“ Und dennoch sind Leben und Tod in dieser jüdischen Familie, von der einige traumatisiert die Shoa überleben konnten, allgegenwärtig. Mit den Augen der neun- bis 17-jährigen erzählt Alba Arikha von ihrem Aufwachsen in Frankreich, Israel und den USA, den Sprachen, in denen gegrüßt, gesprochen und Kinderlieder gesungen wurden. Mit der Schaukel erlebt sie das „betörende Gefühl von Freiheit“, sie erfindet eine Alter-Ego-Cousine Anna, der sie Briefe schreibt, um einen „projizierten Funken Normalität“ in ihr Leben zu holen. In kurzen Absätzen vermittelt Arikha Einsichten, Begebenheiten und das Unverständnis der Heranwachsenden an der Last, die die Generationen vor ihr tragen. Ihr Vater ist Maler, ihre Mutter Dichterin, ihr Patenonkel Samuel Beckett begleitet ihre ersten Schreibversuche mit hilfreichen Rückmeldungen und schließlich entscheidet sich die Jugendliche zu tun, was altersentsprechend ist, nämlich von zu Hause wegzugehen – denn jetzt ist Fantasie „weniger eine Flucht als ein kreatives Bedürfnis“. Das hat sie von ihren Eltern gelernt und in diesem beeindruckenden, luftig-leichten Text umgesetzt.  mel

Alba Arikha: Wörterbuch einer verlorenen Welt. Übersetzt von Friederike Meltendorf. 255 Seiten, Berlin Verlag, Berlin 2014 EUR 20,60

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