Chronik einer Selbstfindung
Mit 18 Jahren ist Gerda bereit für den Sprung ins Leben. Sie steht am Bahnhof von Amstetten und wartet auf den Orient-Express, der sie in die französische Hauptstadt bringen wird. Sie fühlt sich frei und folgt ihrem Traum. Ihr Ziel ist es „eine Dame zu werden“. Und dazu gehören ihrer Meinung nach „Französisch, Salzburg und Schach spielen“. Gerda ist wie eine leere Leinwand und Paris soll sie neu malen. Fürs Erste wird sie Au Pair Mädchen in einer linksintellektuellen Familie. Die Verbindung zu ihrer Herkunftsfamilie, die ein Dorfgasthaus inklusive Fleischerei in Oberösterreich betreibt, wird immer schwächer. In Paris verliebt sich Gerda in Emmanuel, einen Flüchtling aus Uganda. Er wird ihr erster Freund. Die Beziehung zu ihm zerbricht, die Leidenschaft für ferne Länder bleibt. Gerda wird eine Reisende. Während des Studiums in Salzburg – und später den USA – entdeckt sie den Feminismus und damit das Politische im Privaten. Mit Frauenzeichen an der Wand und viel Spiritualität befreit sie sich aus einengenden Beziehungen und patriarchalen Mustern. Sie findet ihre eigene Sprache und es gelingt ihr, sich den Raum in der Welt zu nehmen, den sie braucht. Gerda Sengstbratl erzählt in ihrer Autobiographie nicht nur ihre eigene, äußerst spannende Geschichte, sondern auch jene ihrer Generation. Wer wie die Autorin in den 1980ern jung war, wird sich und vor allem den damaligen Zeitgeist wiedererkennen.
Ute Fuith
Gerda Sengstbratl: Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald, 390 Seiten, Verlag Edition fabrik.transit, Wien 2026 EUR 26,00
