Liebe Leser*innen!
Die Zeiten werden nicht ruhiger, und die Zahl der Menschen, die aus Gründen des Krieges, politischer und religiöser Verfolgung, ökonomischer Not oder nicht vorhandenen Chancen auf ein erträgliches Leben auf der Flucht sind, wird nicht weniger.
In unseren Buchempfehlungen möchten wir euch daher zuerst die Auseinandersetzung mit der Realität solcher Erlebnisse ans Herz legen. Natalja Kljutscharjowas Tagebuch einer Geflüchteten Woher kommst du? zeigt, wie schmerzhaft ein Heimatverlust ist, und Svenja Leibers Roman Nelka klärt darüber auf, dass jeder Krieg schwer überwindbare Traumata erzeugt.
Mit der Ankunft in Europa mag die unmittelbare Bedrohung abgewendet sein, die Willkommenskultur ist aber, wenn überhaupt vorhanden, häufig mangelhaft. Die Situationen der Menschen gestalten sich oft unüberschaubar. Entsprechend ist Safae el Khannoussis Roman Oroppa verwirrend, komplex und wild. Das aus dem Niederländischen übersetzte Buch schafft es dadurch aber, ein Bild von Europa aus Sicht der Menschen, die hier an den Rand gedrängt werden, zu zeichnen.
Auch Bücher mit Themen wie Körper und Sport bieten überraschende Perspektiven auf die Gesellschaft. In Jaqueline Scheibers Buch Schwimmen/Schweben geht es um weit mehr als den Wassersport. Sie schreibt über das eigene Körpergefühl, Codes an Orten der Sportausübung, das Entstehen von Routinen, die gesellschaftliche Durchmischung im Freibad, das Überwinden der eigenen Grenzen und über Leistungssport. Das Buch ist auf vielen Ebenen sehr persönlich und damit vermutlich gut anschlussfähig zu den Lebenswelten der Leser*innen.
Die Routinen von Son Lewandowski geht unter die Haut. Es scheint, als wolle die Autorin ihre Leser*innen die Routinen der Turnerinnen am eigenen Leib spüren lassen. Das Buch ist ein tiefsinniger und extrem gut recherchierter Roman, der uns zweifelnd und verzweifelt zurücklässt: Wie können diese jungen Sportlerinnen solche Qualen aushalten? Und wie kann es sein, dass ein System diese Qualen zulässt, seit Jahrzehnten vertuscht und daraus Profite schlägt?
Um den düsteren Erfahrungen etwas entgegenzusetzen, eignet sich der ethnografische Comic Hoffen, wenn die Welt schmerzt von Lea Eberling. Er zeigt uns inspirierende Möglichkeiten auf, wie eine solidarische Zukunft aussehen kann – gerade in Zeiten, in denen es schwer ist, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Ihr, liebe Leser*innen, wisst es ja längst, Lesen fördert Fantasie und Einfühlungsvermögen. Auch die Forschung bestätigt, dass literarisches Lesen Empathie trainiert, weil man ständig Perspektiven einnimmt, die nicht die eigenen sind. Mit dem Lesen stärken wir also wichtige kreative Fähigkeiten, die wir immer und immer mehr brauchen, wenn wir weiterhin wach und kritisch sein wollen.
In diesem Sinne, einen schönen Sommer!
