Editorial

Liebe Leser*innen!
der kommende Sommer findet uns in einer Situation mit vielen Fragezeichen vor. Die Pandemie hat einiges ans Licht gebracht, viele Probleme aufgezeigt und einige verstärkt. So geht es in der Coverstory um ein äußerst langlebiges Thema, das in seiner Härte viele Menschen, und vor allem Frauen betrifft: prekäre Lebenssituationen, die durch Corona verschärft wurden, (unbezahlte) Haus- und Pflegearbeit oder zusätzliche Arbeitslast durch Home Schooling. Insgesamt zeigt sich neben manch positiver Aufbruchsstimmung auch ein gesellschaftlicher Backlash und immer wieder ein reaktionäres Sehnen nach einer „guten alten Zeit“, die es als solche nie gegeben hat – und schon gar nicht für Frauen.

Überprüfen lässt sich das leicht in der aktuellen WD-Sommerausgabe: Jüngste spannende (Auto)Biografien, etwa “Die von Europa träumen” über migrantische Ungehörte und deren Fluchterlebnisse von Melita Šunjić und Anna Mae Bullocks (Über-)Lebensgeschichten auf Baumwollplantagen geben Einsichten in unterschiedlichste, oft von Gewalt geprägten Erfahrungen von Frauen. Ähnliches gilt für Rockstar Tina Turners “Happiness. Mein spiritueller Weg”. Auch Birgit Formanskis “Lebensbilder jüdischer Akademikerinnen” und Topsy Küppers „Nix wie Zores“ führen historische und aktuelle gesellschaftliche Verfasstheiten exemplarisch und dabei dennoch sehr unterhaltsam vor. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die weltbeste Frauenfußballspielerin, Megan Rapinoe, die mit „One Life“ ihren Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus und für LGBTIQ*-Rechte im Sport darstellt. Eine Biografie aus kunsthistorischer Perspektive liefert Alina Christin Meiwes mit „Rosa Bonheur“, die als unabhängige, erfolgreiche Malerin im Männergewand porträtiert wird. Die Autorin fordert zudem einen stärkeren öffentlichen Fokus auf Künstler*innen und steuert praktische, in Unterricht und Lehre integrierbare Diskussionsfragen bei.

Einen philosophischen Blick in die Zukunft wirft das Buch “Wieder denken. Neue Fragen, andere Antworten, Perspektiven für die Zeit nach der Pandemie”, herausgegeben von Karin Hutflötz und Veronika Hilzensauer. Felicitas von Aretin macht selbständigen Frauen Mut und schreibt über „Ungewöhnliche Unternehmerinnen und das Geheimnis ihres Erfolgs“ – trotz oder gerade wegen der Corona-Pandemie.

Allen, die das relativ statische Leben an einem Ort satthaben und sich bereits innerlich wieder auf größere Horizonte einstellen wollen, sei Eva Schörkhubers „Die Gerissene“ empfohlen: Das Thema Reisen – nach Marseille, Tindouf und schließlich Havanna – steht darin in direkter Verbindung mit dem Wunsch, aus vorgezeichneten Bahnen auszubrechen.

Ungemein interessant liest sich auch der erste Roman der Bachmann Preisträgerin Sharon Dodua Otoo “Adas Raum”, der die Protagonist*innen in verschiedenen Zeitebenen auftauchen lässt. Wer sich mit Selbstverteidigung und Gewalt beschäftigen will, dem sei der historisch-philosophische und phänomenologische Beitrag von Elsa Dorlin ans Herz gelegt.

In jedem Fall also jede Menge reizvolle Literatur, egal wie und wo Ihr den Sommer verbringt. Wir wünschen Euch viel Freude, Spannung und Inspiration beim Lesen.

 

WeiberDiwan-Redaktion