Glaube als politische Haltung und Praxis
Erica Ludolph wurde 101 Jahre alt. Erst am Ende ihres Lebens begann sie Zeugnis abzulegen über ihre widerständigen Taten und Rettungsaktionen während des Nationalsozialismus. Getragen von christlichem Glauben und eingebettet in ein Netzwerk antinazistischer/antifaschistischer Pfarrer der Bekennenden Kirche setzte Ludolph als junge Frau zahlreiche Aktivitäten gegen das NS-Regime: es begann mit Zahnpasta und Nachrichtenübermittlungen an Kriegsgefangene und endete mit der Rettung der Mutter einer jüdischen Freundin vor der Gestapo sowie Kurierdiensten für die französische Resistance. Ihr gesamter Lebensweg ist geprägt vom Einsatz für soziale/ökonomische Gerechtigkeit und dem Kampf gegen Ausbeutung, sei es bei sozialreformerischen Projekten in Sizilien, bei der Arbeit mit griechischen und ungarischen Geflüchteten, oder bei Aktivitäten in Lateinamerika, wo sie mit der Theologie der Befreiung sympathisierte. Das Schweigen über die NS-Zeit begründete sie mit Schuld, Scham und Angst, noch im späten Alter entschuldigt sie sich: „vor allem aber dafür, dass ich nicht noch mehr geholfen habe, noch mehr für bedrohte Menschen gekämpft habe in diesen entsetzlichen Jahren 1933–1945.“ Mit zahlreichen Auszügen aus Ludolphs Nachlass bekommen die Leser*innen einen direkten Einblick in dieses bewegte Leben, gestört wird der Lesefluss leider durch teilweise holprige Formulierungen und repetitive Passagen. Dem Autor*innenduo ist es jedoch zu verdanken, dass Erica Ludolphs widerständiges Leben/Handeln nicht in Vergessenheit gerät.
Maria Hörtner
Petra Bonavita und Dieter Maier: Erica Ludolph. Judenretterin und Widerstandskämpferin. 200 Seiten, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2026 EUR 25,00
