Revolutionärer Feminismus um 1900
Trotz unterschiedlicher Lebenswege eint die drei in diesem Band porträtierten Revolutionärinnen ihre politische Radikalität abseits von bürgerlichen Normen. Ein unermüdlicher Wille zu persönlicher Freiheit ist ihnen ebenso gemein wie Entschlossenheit im Kampf um ein gutes Leben für alle. Die bekannteste der drei ist wohl Emma Goldman (1869 – 1940), die als anarchistische Intellektuelle und Revolutionärin bis heute fasziniert. Auch Lucy Parsons (1851 – 1942) dürfte der einen oder anderen ein Begriff sein: Die militante Aktivistin und Gewerkschafterin galt als Koryphäe der Chicagoer anarchistischen Szene ihrer Zeit und verfocht bis zu ihrem Tod kompromisslos die Rechte aller Unterdrückten. Der eigentliche Star dieses Buches heißt jedoch Victoria Woodhull (1838 – 1928). Ihr Leben verlief dermaßen unkonventionell, dass einer fast schwindlig wird. Aus einer kinderreichen Familie stammend, die sich mit Quacksalberei und ähnlich dubiosen Geschäften über Wasser hielt, verdiente Woodhull ihren Lebensunterhalt zunächst als Spiritistin und Wahrsagerin. Doch bald begann sie, sich mit revolutionären Ideen auseinanderzusetzen und als Journalistin über Gleichberechtigung und freie Liebe zu schreiben. Wenig später eröffnete sie das erste von Frauen geführte Broker-Büro an der Wall Street und bewarb sich schließlich als erste weibliche Kandidatin für das Präsidentschaftsamt der USA. Die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp bietet mit ihrem Buch einen inspirierenden Einblick in feministische und sozialrevolutionäre Debatten des späten 19. Jahrhunderts. Super kontextualisiert und unterhaltsam erzählt macht jede der drei Kurzbiografien Lust darauf, mehr über diese Größen der feministischen Bewegung zu erfahren – und sich an ihrem Beispiel für gegenwärtige Kämpfe zu orientieren. Toll!
Rebecca Strobl
Antje Schrupp: Unter allen Umständen frei. Revolutionärer Feminismus bei Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman, 216 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2025 EUR 20,60
