Ausgespielt

„Gehen, ohne sich Zeit zum Verarbeiten zu nehmen, oder bleiben, gehen, wiederkommen, nachschauen, ob derjenige noch da ist, an uns denkt, uns ja nicht vergisst, uns noch immer liebt. Und den Abschied ewig wiederholen.“ Gegen dieses Pendelspiel entscheidet sich Kayden letzten Endes konsequent. Die Jugendliche ist die Hauptfigur des neuen Romans von Fatima Daas. Sie wohnt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einer 35 Quadratmeter großen Wohnung in einem Pariser Vorort. Wie die Gleichaltrigen in ihrer Banlieue ist sie hin und her gerissen zwischen dem Teilhabeversprechen des französischen Bildungssystems und dem institutionellen Rassismus der Gesellschaft. Wäre da nicht Kaydens Lehrerin Garance Fontaine, wäre die Motivation für den Schulabschluss am Collège kaum aufzubringen. Beflügelt von der Idee, die Schülerin in das Elitestudium an der Science Politique zu heben, erhält Kayden besondere Aufmerksamkeit von der Literaturlehrerin. In die jahrelangen, schulischen Vorbereitungsarbeiten zwischen Lehrerin und Elevin mischen sich anfangs zögerlich Intimität, dann Geheimnisse und schließlich eine Sehnsucht nach Gegenliebe und Anerkennung, die ins Leere läuft. Wären da nicht Kaydens Mutter und Schwester, ihre Freundinnen Nelly und Djenna sowie ihr bester Freund Sami, wäre die Suche nach Orientierung schwerer. Nach gut lesbaren 192 Seiten weiß Kayden: Sie muss nicht aus ihrem Herkunftsmilieu gerettet werden. Dass dieses Entfremdungsspiel scheitert, ist wohl die versöhnlichste Note der Kritik an Manipulation und doppelbödigen Teilhabeversprechen. Fatima Daas führt nach ihrem bereits verfilmten Erstlingswerk Die jüngste Tochter mit einem weiteren Roman die engen Vorstellungen von Bildungsinstitutionen vom Leben am angeblichen Rand der Gesellschaft vor. Feinfühlig und am Punkt.
Doris Arztmann

Fatima Daas: Spiel das Spiel. Aus dem Franz. von Sina de Malafosse. 192 Seiten, Claassen, Berlin 2026 EUR 23,70