Aufbrechen
Zwei Frauen, zwei Realitäten, zwei Dutzend Kühe und ein LKW. Anja Gmeinwiesers Debütroman nimmt uns mit auf einen Roadtrip von Italien bis an die EU-Außengrenze. Die aus ihrem ermüdenden Alltag geflüchtete Ich-Erzählerin trifft auf Anna, die mit einer Herde Kühe auf dem Weg in die Türkei ist, und schließt sich ihr kurzerhand an. Die Gedanken flirren genauso wie die Dialoge selbst. Mal auf Englisch, mal kryptisch per Übersetzungs-App, mal nur durch Blicke versuchen die beiden Frauen, sich zu verständigen und die Gräben zwischen ihren Lebensrealitäten zu überwinden. Langsam kommen sich die beiden auch körperlich näher, versuchen einander greifen zu können und stoßen doch immer wieder an Grenzen im gegenseitigen Verständnis. Es wird geküsst, geschrien, geflucht, gevögelt, geschwitzt. Die Erzählweise des Romans lässt uns die Reise der beiden hautnah verfolgen. Sengende Hitze, Staub in den Augen, Schweiß zwischen den Oberschenkeln, Lust und Verlangen, während der LKW über brühend heißen Asphalt brettert und die Kühe im Transporter so laut protestieren, dass es in den Ohren schmerzt. Ein beeindruckendes Buch, das uns entlang klassistisch geprägter Strukturen mitnimmt, um Systeme in ihrer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit sichtbar zu machen. Die Verwebung mit biografischen Erfahrungen der Protagonistinnen befreit den Roman jedoch von jeglicher moralischen Maßregelung und entwickelt sich zu einer beinahe poetischen Momentaufnahme, welche den Plot nebensächlich werden lässt.
Zoe
Anja Gmeinwieser: Wir Königinnen. 224 Seiten, Berlin Verlag, Berlin 2026 EUR 24,70
