Sommer der Gewalt

Seit der Scheidung der Eltern vor einem Jahr leben der 17-jährige Kamil und die 15-jährige Beatrice nun in Warschau bei ihrem polnischen Vater und dessen neuer Familie. Ihre Mutter Viola, eine wohlhabende, exaltierte und psychisch labile Strandbadbesitzerin in Ostia hat nach einem Selbstmordversuch das Sorgerecht verloren. Den Sommer 1994 verbringen sie wieder in Violas Villa, sehnsüchtig erwartet von Kamil, gegen den Willen von Beatrice, die kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hat und sich in Polen gut eingelebt hat. Kamil dagegen hofft, in Rom bleiben zu können – wenn seine Mutter den Sommer ohne Eskapaden, Substanzen und mit Therapie übersteht. Kamil und Beatrice tauchen nun in das flirrende jugendliche Strand- und Straßenleben in Ostia ein, frischen alte Beziehungen auf und knüpfen neue Kontakte. Während sich Kamil mit ambivalenten Gefühlen wieder seiner alten Clique machohafter, proletarischer Burschen anschließt – bei denen Drogen, Vesparunden, Rassismus und Gewalt als Akte der Auflehnung gegen Deklassierung spürbar werden –, überfordert ihn die Verantwortung für seine ihm symbiotisch verbundene Mutter zunehmend. Am Ende wird er von seinen eigenen, zwanghaft unterdrückten Aggressionen dramatisch eingeholt. Beatrice hingegen macht erste, teils grenzwertige sexuelle Erfahrungen, entdeckt ihren Körper und beginnt, sich lebendig zu fühlen, indem sie sich von sozialen Zwängen und familiären Zumutungen löst. Paulina Spiechowicz, selbst als 4-Jährige 1987 mit ihrer Familie von Polen nach Rom geflüchtet, stellt ihre Schilderung des Erwachsenwerdens und der Identitätssuche eines Geschwisterpaars innerhalb einer komplizierten familiären Situation in den Kontext von Rassismus, Ausgrenzung, Gewalt und Klassenantagonismen. Besonders letztere macht sie, zeitgeschichtlich und lokal konkret eingebettet, aus der Innensicht und dem Gefühlsleben ihrer Figuren gut nachvollziehbar.
SaZ

Paulina Spiechowicz: Wenn alles brennt. 240 Seiten, Folio Verlag, Wien/Bozen 2026 EUR 25,95